Sonntag, 24.09.2017
Christiane Rösinger und ihre "Lieder ohne Leiden"

“Den Begriff Grand Dame verbitte ich mir, bis ich 70 bin!”

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Christiane Rösinger hinter einer Fensterscheibe in Berlin (Photo: Dorothea Tuch)

 

„Lieder ohne Leiden“ kann es bei Christiane Rösinger natürlich nicht geben. Auch auf ihrer zweiten Soloplatte widmet sie sich dem Konstrukt namens Liebe und andere heftige Themen wie Älterwerden, Wohnungsprekariat und schal gewordene Beziehungen. Aber: Die Musik ist leichter, poppiger – wie passt denn das zusammen? Ganz wunderbar. Ein Sonntagsgespräch mit La Rösinger:

Ursprünglich hatte ich mir gedacht, dass wir uns am Samstag nach der „Flittchenbar on Ice“, der monatlich von Christiane im Südblock am Kottbusser Tor in Berlin veranstalteten Party  unterhalten, aber wie sich das für ausgemachte Nachteulen versteht, kriegen wir das nicht hin. Also telefonieren wir später, an einem sonnendurchfluteten Sonntagmittag miteinander.

“Woher kommt eigentlich diese Sonntagsmelancholie?“, sinniert Christiane Rösinger, wir können’s nicht lösen, an den geschlossenen Geschäften liegt es jedenfalls nicht. Nachher soll mit Andreas Spechtl noch ein Handyvideo zum Titelsong des neuen Albums gedreht werden, was mich zu der Frage bringt, ob denn die Teilnehmer_innen im Video zum Frühjahrshit über die – nennen wir es fortschreitende Diskrepanz auf dem Wohnungsmarkt – „Eigentumswohnung“ zum Mitmachen überredet werden mussten. Schließlich dürften sich im Text doch einige der Personen wiedererkennen, und das nicht nur auf wohlwollende Weise: „Nein, gar nicht, alle wollten gerne mitmachen. Im Gegensatz zu mir, ich sage ja meistens ab, wenn ich irgendwo mitspielen soll.“ Als ich erwähne, dass „Eigentumswohnung“ auch manche meiner Freund_innen durchaus nachdenklich gemacht (= peinlich berührt) habe, weil sie sich in derselben Situation befänden, dass die Eltern ihnen eine Wohnung „halt unbedingt schenken“ wollten, fährt Christiane dazwischen: „Also da habe ich kein Mitleid. Ich bin immer auf der Seite der anderen, derjeningen, die aus ihren Wohnungen rausmüssen, weil ihre Straßen gentrifiziert werden und die Wohnungen, in denen sie leben, zu Eigentumswohnungen gemacht werden. Wohnen ist ein Grundrecht, man kann doch nicht einfach so die Leute rausschmeißen.“ Klare Worte, und wie angesprochen, sie spricht aus eigener Erfahrung: auch ihre Kreuzberger Wohnung, in der sie seit den Achtziger Jahren wohnt, wurde privat verkauft; Ausgang der Geschichte noch unbekannt.

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Christiane Rösinger (Photo: Dorothea Tuch)

Sorge um die Wohnsituation war nur ein Grund für die immerhin sechs Jahre, die zwischen Christianes erstem Soloalbum „Songs of L. and Hate“ und „Lieder ohne Leiden“ liegen – im Popgeschäft eine lange Zeit. Eben dieses Geschäft war es, das Christiane „abgetörnt und angeekelt“ hatte, und dazu führte, dass sich in ihrem neuen Schrebergärtchen auch ganz wohl fühlte und Blumenrabatte pflanzte. „Ach, es gibt so viele blöde neue Bands – männlicher Indierock interessiert mich überhaupt nicht; und dieser ganze Zirkus, was habe ich da noch zu tun?“ Dass sie Vorbild für viele Musiker_innen ist, weiß sie zwar und ist doch skeptisch, und überhaupt: „Den Begriff Grand Dame verbitte ich mir, bis ich 70 bin!“

Heute entgegengebrachte Aufmerksamkeit kann den Groll auf früheres Übergangenwerden nicht ausbügeln: „Ich habe so viel gemacht und hatte tolle Erfolge, habe über zwanzig Jahre in relevanten Bands gespielt – und war mit den Lassie Singers und Britta nie auf dem Cover irgendeiner Musikzeitschrift. Wir sind immer viel weniger wahrgenommen worden als die männlichen Kollegen, und wir haben’s ja auch noch irgendwie geglaubt, dass wir vielleicht (noch) nicht so gut sind, dass es also an uns liegt. Aber selbst Siri Hustvedt sagt, dass alles, was ein Mann macht, mehr Beachtung kriegt. Sie muss es ja wissen, sie ist Paul Austers Frau. Und ich hatte einfach keinen Bock mehr auf diesen Scheiß, ich wollte nicht mehr mitmachen.“
Aber du bist doch Vorbild für viele Frauen, sage ich – „Natürlich will ich anderen Frauen nicht den Mut nehmen, Musik zu machen. Na klar rate ich Frauen, dass sie Bands gründen sollen. Das macht Spaß! Aber ich selbst will den Kampf nicht mehr.“ Vor allem heute, wo kaum noch jemand von der Musik leben kann („Die 90er Jahre waren goldene Zeiten: es gab Vorschüsse für Platten!!“) und jede/r noch mindestens einen Job für die Miete braucht, wenn es eben nicht die geschenkte Eigentumswohnung gibt. Christiane selbst fing deswegen  an, als Deutschlehrerin für Geflüchtete zu arbeiten – und wurde durch die Erfahrungen  zum Buch „Zukunft machen wir später“ über ihre Lehrerinnentätigkeit  inspiriert, das im März bei S. Fischer erscheint.

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Christiane Rösinger (Photo: Dorothea Tuch)

Keine Musik mehr machen ist allerdings auch keine Lösung, schon gar nicht für Christiane, bei der Hadern und Resignation bei gleichzeitiger Lust am Weitermachen stets eng miteinander verwoben sind – „und irgendwie hat mich der Job auch wieder mit der Musik versöhnt.“ Auch wenn der Weg aus der „L“-Phase heraus nicht leicht war, nach dieser erratisch-mehrdeutig betitelten Platte, die ein kaum verbrämtes Bewältigungsalbum war: „Manche Texte darauf sind so traurig – in einen so tiefen Abgrund will ich gar nicht mehr blicken.“

„Lieder ohne Leiden“ ist natürlich trotzdem kein happy-go-lucky-Album geworden, wie könnte es das auch. Aber es sollte nicht mehr so bleischwer klingen, sondern abwechslungsreicher, leichter, dabei opulenter instrumentiert. Das hatten sich Rösinger und Andreas Spechtl als ihr bewährter Partner in Music & Producing vorgenommen, und so kommen die neuen Songs im Sixties-Swing daher, sehr chansonesk zum Teil: „Ich habe viel Burt Bacharach gehört“.
Die neue musikalische Leichtigkeit führt dazu, dass auch Siebenjährige fröhlich traurige Textzeilen mitsingen wie, „nach all den Jahren / nach all der Zeit / sing ich das Lob / der stumpfen Arbeit“ – was auch Christianes Lieblingslied ist, neben „Das gewölbte Tor“, einem vertonten Kleist-Brief: „Das Stück entstand anlässlich eines Kleist-Festivals im Berliner Gorki-Theater. Ich habe Kleists Text unverändert vertont und finde ihn immer noch sehr deep. Ist vielleicht ein bisschen düster am Schluss der Platte, andererseits passt das Stück dort besonders gut hin.“ Auf „Lieder ohne Leiden“ reine Herzenssongs gelandet – nur neun insgesamt, denn „es muss ein Thema da sein, jedes Lied muss etwas bedeuten.“ Keine Füller also, nur echte Hits wie das flowende „Joy of Ageing“, das im Titel auf das 70er-Jahre-Buch „Joy of Sex“ anspielt: „Älterwerden war ja auch mal ein Buchprojekt von mir, vielleicht nehme ich das irgendwann wieder auf. Ich merke ja schon, dass das ein großes Thema ist, gerade bei den etwas älteren Journalistinnen“ (Und ich so: „ä-hem!“).

Zur Veröffentlichung von „Lieder ohne Leiden“ Ende Februar (Frühling wäre auch ein bisschen zu arg) geht’s auch gleich auf Tour – „auf der Bühne stehe ich ja wirklich gern, und dazu muss halt auch eine neue Platte her!“ Und eine neue (Tour-)Band: neben Andreas Spechtl an der Gitarre werden Laura Landergott (ebenfalls Ja, Panik) und Sonja Deffner von Die Heiterkeit mit Christiane auf der Bühne stehen. Dem Auftaktkonzert im Berliner HAU blickt sie vorfreudig-furchtsam entgegen: „Immer dieselbe Frage: Werden Leute kommen, mögen sie einen noch? Man will ja doch geliebt werden, so ist es halt.“ Geht klar, ganz ohne Leiden.
Christina Mohr

Christiane Rösinger
“Lieder ohne Leiden”
(Staatsakt / Caroline International)
Stand beim Titel des letzten Albums „Songs of L. And Hate“ Leonard Cohen Pate („Songs of Love and Hate“), versteckt sich in „Lieder ohne Leiden“ ein Verweis auf Udo Jürgens („Liebe ohne Leiden“) – und weist programmatische Qualität auf.
Während es auf dem ersten Solo-Album noch auf sehr unmittelbare Weise um Liebeskummerbewältigung ging, stellt sich im Falle der neuen LP häufig der Eindruck ein, Rösinger sei bestrebt, eine Distanz zum Innenleben aufzubauen.

Damit einher geht die Tendenz, die Poetologie des Songwritings selbst zu reflektieren. Was von der Warte einer metanarrativen Vogelperspektive betrachtet wird, kann einem auf weniger direkte Weise wehtun. Rösingers Fokus verlagert sich so von der Innenansicht des Liebeskummers zu einer durch Abstand gekennzeichneten Analyse. Dieser Ansatz mündet zum einen in der pragmatischen Betrachtung, dass unglückliche Liebe ins Zeichenhafte überführt werden kann, indem man sie unter dem Aspekt des künstlerischen Sujets thematisiert (was sich sehr schön im Titelsong nachhören lässt). Zum anderen äußert sich Rösingers veränderte Ausrichtung in einer erfrischenden und befreienden Neubestimmung gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die ihren Höhepunkt in Gestalt von „Was jetzt kommt“ erreicht, einem Song, den ich in letzter Zeit immer wieder hören musste. Besonders fasziniert mich der Umstand, dass sich die marginale Position, von der aus gesprochen wird per Behauptungsgestus umkehrt in eine neue Realität, innerhalb derer die Marginalisierten eine zentrale Stellung einnehmen. Damit betont Rösinger den ursprünglich emanzipatorischen Wert des Konzepts „alternative Fakten“ (die Unterwanderung von Realismus/Realität als Domäne der Autoritäten gehört prinzipiell zu den Strategien emanzipatorischer Konzepte, wie etwa dem Postkolonialismus – dass Trump dieses Konzept ko-optieren konnte, liegt leider genau in der Fragilität des Realitätsbegriffs begründet, die die Postmoderne immer eingefordert hat).

Ähnlich verfährt „Joy of Ageing“, in dem eine trotzige Umcodierung der Suggestion formuliert wird, Altern müsse notwendigerweise negativ besetzt sein. Die Musik untermauert dabei die trotzige Qualität des Texts, indem sie Anleihen macht bei unmartialisch eingesetzten Marschrhythmen.

Apropos Musik: im Vergleich zum Vorgängeralbum haben Christiane Rösinger und ihr Produzent und Arrangeur Andreas Spechtl (unter anderem Ja, Panik) eine größere Vielschichtigkeit zugelassen, inklusive Bläsern, Chorgesang und geheimnisvollen Klängen, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Die Lieder erscheinen infolge dessen produzierter, facettenreicher.

Und mit dem Hit „Eigentumswohnung“ liegt hier ein echter Rocksong vor, der einen sofort mitreißt. Das liegt natürlich auch am tollen Text, der die Frage stellt, ob die vermeintlichen Freunde einem nicht ganz schnell in den Rücken fallen können, wenn existenzielle Grundlagen betroffen sind. Sehr clever ist dabei die Idee, dass sich die EigentumswohnungsprotagonistInnen durch ihren demonstrativen Rechtfertigungszwang selbst entlarven. Es handelt sich hier also um eine Art Protestsong, der aus der Perspektive des kritisierten Gegenstands gesungen wird. Rösingers Kritik wirkt in dieser Hinsicht nicht hölzern und verkniffen, sondern in hohem Maße elegant. So wie das ganze Album.
Mario Lasar

Christiane Rösinger live: 

April 01 DE Berlin
April 04 DE Hamburg
April 05 DE Köln
April 06 DE Frankfurt
Apilr 07 DE Schorndorf
April 08 CH Zürich
April 09 CH St. Gallen
April 11 AT Wien
April 12 DE München
April 13 DE Leipzig

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