Freitag, 28.07.2017
Dirk Dresselhaus und Max Müller im Gespräch

Bei Mutter im Studio

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Mutter in der Zone

Jedes neue Mutter Album kommt einem wie eine jener Botschaften vor, die auf einsam im Weltall kreisenden Raumschiffen gefunden werden und in denen die Besatzung von einem am Horizont auftauchenden Unglück berichtet, das in dem Moment, wo es von uns wahrgenommen wird, schon längst zu Geschichte geworden ist.
Max Müller manifestiert in seinen Texten Alltagsbeobachtungen und schichtet aus diesen Fragen auf, die zu greifen für den Rest der Welt nicht selten viele Erdumrundungen benötigt – doch haben sich Songs wie „Wohlstandpsychatrie“ (von „Trinken Singen Schiessen“), die „Häuser ohne Augen“ (von „Mein kleiner Krieg“) oder „So viel Platz“ (von „Text und Musik“) erstmal entfaltet, fröstelt es einem angesichts des klaren Blickes ihres Schöpfers. Mit dem neuen Album „Der Traum vom Anderssein“ wird sich das nicht anders verhalten, auch es liefert wieder Schattenspiele „über das große Rätsel der Menschheit“.

Thomas Venker traf Max Müller und Dirk Dresselhaus, der das neue Mutter Album produziert hat, in dessen „Zone“-Studio; Müller erschien zwei Stunden zu spät und sympathisch unaufgeräumt.

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Max Müller & Dirk Dresselhaus

Max Müller: Mir ist kotzübel, ich will es gleich sagen.
Dirk Dresselhaus: Kaffee?
Müller: Nein, kein Kaffee!
Dresselhaus: Willst du dich hier hinsetzen oder da?
Müller: Ich will mich gerne hinlegen.

Max, komm, dann nimm du doch das Sofa.
Dresselhaus: Oder leg dich hinter das Schlagzeug.
Müller: Macht ihr schon Interview?
Dresselhaus: Ja, wir haben schon ein bisschen über das Studio gesprochen.
Müller: Und über mich abgelästert!
Dresselhaus: Also nur über Sachen gesprochen, die dich total langweilen würden.
Müller: Danke, sehr rücksichtsvoll. Hier, ich hab dir die Platte mitgebracht. Dresselhaus: Das Cover ist total super geworden. Passt so gut zur Musik.

„Der Traum vom Anderssein“ – sehr schöne Aufteilung mit den langen Titeln auf der a und den kurzen Titeln auf der b. Steht das in Konstellation zur Musik?
Müller: Ich sehe das gerade zum ersten Mal, ich habe die Platte gestern auch erst gekriegt.
Dresselhaus: Aber die Reihenfolge haben schon wir zusammen gemacht.
Müller: Wir haben sie fast so genommen, wie wir sie aufgenommen haben.
Dresselhaus: Das ist eh immer das Geilste. Beim kommenden Locust Fudge Album ist das genauso.

Aber ernsthaft: bedeutet es was, dass auf der einen Seite die Titel nur aus einem Wort bestehen? „Glorie“, „Fremd“, „Geh“ und „Kravmann“ und auf der anderen Seite Ausssagen wie „Menschen werden alt und dann sterben sie“ getroffen werden.
Müller: Es gab lange nur Arbeitstitel und am Schluss entstanden dann die richtigen. Ich bin gar nicht rasiert und krank bin ich zudem auch noch – mein Sohn war eine Woche krank. Ich fühle mich wie ausgekotzt und das obwohl ich gestern nur zwei Bier getrunken habe. Ich hab einen Mordskater – aber eigentlich habe ich gar keinen Kater.

Dirk, kannst du sagen, wann du das Erste Mal Mutter gehört hast?
Dresselhaus: Das war Anfang der 90er Jahre. Ich hatte damals ihre Alben auf Kassetten. Die habe ich neulich wieder aus einem großen Karton im Abstellkeller rausgesucht, nachdem mich Julie, die mit ihrer Band Half Girl bei mir im Studio aufgenommen hat und die neuerdings bei Mutter Keyboard spielt, mich ins West Germany zum Mutter Konzert eingeladen hat. Das war tatsächlich mein erstes Mal Mutter live – und ich war weggeblasen. Später habe ich sie auf Absinth nochmals live gesehen, das hat mich noch mehr umgehauen. Tja, und dann kamen sie im hier im Studio vorbei, um sich das alles mal anzuschauen. Dass sie sich am Ende gegen das Hafenklang-Studio und Hansa-Studio für mich entscheiden haben, hat mich sehr gefreut. Aber es kostet ja auch nur einen Bruchteil, im Hansa hätte wahrscheinlich ein Tag soviel gekostet wie hier das ganze Album.

Max, weißt du, wann du das erste Mal eine Band von Dirk gehört hast?
Müller: Sein Name war schon immer präsent. Seine Musik lief ja sogar im Radio.
Dresselhaus: Im Radio?
Müller: Ja, die Hip Young Things liefen auf Radio 1. Wir laufen da ja nie! Wir werden da zwar zur „Platte des Jahres“, aber spielen tut uns niemand. Gerade bei der letzten Platte dachte ich, dass es endlich so weit wäre, da die Stücke so easy und locker waren. Aber es läuft einfach nicht. Gemein. Aber jetzt weiter im Programm.

Max, das Cover ist, wie Dirk gerade schon anmerkte, wieder sehr toll geworden. Wieso kann man deine Bilder eigentlich nicht kaufen?
Müller: Was? Klar kann man das. Ich stell die ins Internet.

Aber wenn man sich dann bei dir meldet, sabotierst du jegliches Kaufinteresse konsequent – ich spreche da aus eigener Erfahrung.
Müller: Seit damals habe ich mich total geändert. Ich verkaufe mittlerweile ganz gut und regelmäßig über Facebook. Die Kohle geht da ja auch, anders als bei einer Galerie, komplett an mich.

Max, Dirk, wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?
Müller: Julie hat ihn empfohlen. Wir hatten aber zunächst Bedenken, weil das Studio so klein ist – er meinte dann aber „ne, ne, das sei super“ und verwies darauf, dass hier schon 20 Leute gleichzeitig drin waren.
Dresselhaus: Ich sagte, es sei klein, habe aber genau die richtige Größe, um hier gute Aufnahmen als Band zu machen.
Müller: Als ich die Aufnahmen am Ende hörte, konnte ich nicht glauben, dass das hier entstanden ist. Wir wollten diesmal ein Album unter Livebedingungen aufnehmen und nicht später noch 1000 Spuren drüber spielen. Sehr wichtig für die Entscheidung war, dass sich oben im Haus ein guter Kiosk befand, wo man sich immer was holen konnte.
Dresselhaus: Das Studio ist dafür gedacht, hier in Livesituation Musik aufzunehmen. Während woanders alles immer getrennt voneinander aufgenommen und streng vermieden wird, dass man andere Sounds mitbekommt, arbeite ich gerne mit Übersprechungen in andere Mikrofone. Das ergibt ein tierisches Raumgefühl, klingt sehr organisch und dreidimensional. Wenn ich hier Bands aufnehme, will ich erstmal möglichst genau festhalten, was die Band ausmacht. Es soll so klingen, als ob man davor sitzt, möglichst wenig produziert.

Abseits von Raum und Kiosknähe – spielte die Musik von Dirk auch eine Rolle?
Müller: Überhaupt nicht. Es ist ein schöner Nebeneffekt, dass seine Musik auch toll ist, aber ich hab die zum ersten Mal richtig gehört, nachdem wir mit den Aufnahmen bereits angefangen hatten. Wichtiger war, wie er arbeitet: ein netter Typ, der nicht so viel über Technik quatscht. Ich empfand es als sehr sympathisch, dass er mir nicht wie andere Produzenten erst mal drei Stunden lang erklären wollte, wie jedes Mikro funktioniert. Das versteh ich eh nicht.
Dresselhaus: Letztlich ist alles ganz einfach und man kann es sich verkomplizieren.
Müller: Sagst du. Ich kenn das aber ganz anders. Immer wenn wir in der Vergangenheit in ein Studio kamen, war es eine Katastrophe. Die Mischer mussten sich immer beweisen, dass sie befugt waren, dieses Studio zu führen. Ich hasse es, ins Studio zu gehen!
Dresselhaus: Ich auch. Darum gibt es das hier ja – es ist ein Studio, das existiert, weil man Studios hasst!
Müller: Ich hab immer aus Freundlichkeit nichts gesagt, aber am Ende klang es Schrott. Einmal wunderte ich mich, warum plötzlich das Handy klingelte – da hatte der Idiot, der mir stundenlang erklärt hatte, wie eine saubere Aufnahme getrennt voneinander gemacht wird, sein Handy im Raum liegen lassen. Das haben wir dann draufgelassen, damit er, der Unfehlbare, es noch mal hört. Der ist heute noch tätig und weiß, dass er damit gemeint ist, wenn er es hört: Vollidiot.

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Am Schlagzeug: Max Müller

Ihr habt also die Band klassisch eingefangen und seid weniger zusammen in die einzelnen Songs reingegangen?
Dresselhaus: Manchmal habe ich bei den Gitarrensounds schon soft eingegriffen und wir haben auch ein paar Overdubs gemacht. Aber Mutter gibt es lange genug, sie wissen genau, was sie machen wollen.
Müller: Ein bisschen Führung ist schon gut.
Dresselhaus: Wir haben von jedem Song mehrere Versionen aufgenommen und natürlich habe ich am Ende gesagt, welche ich am besten finde und warum.
Müller: Wobei das immer relativ klar war. Wir haben alles schnell eingespielt. Wie lange waren wir hier: ne Woche oder zwei?
Dresselhaus: Die Basic-Tracks wurden in drei Tagen aufgenommen, dazu kam dann noch ein Tag für Gitarren-Overdubs. Ein paar Monate später haben Max und ich dann noch zwei Wochen zusammen am Album gearbeitet und von ihm Zuhause aufgenommene Gesangsparts integriert, neue Gesangsparts aufgenommen und ich am Ende noch eine Woche Feinschliff gemischt.
Müller: Wir haben auch noch Keyboard- und Schlagzeug-Sachen aufgenommen. Eigentlich habe ich das gesamte Album alleine aufgenommen – aber das bitte nicht schreiben.
Dresselhaus: Mit dem Autotune hatten wir viel Spaß am Ende.
Müller: Das war das Geilste! Autotune kannte ich bislang nicht als Instrument in der Rockmusik, so wie es im HipHop der Fall ist.

Ihr habt euch also wenig über den Sound unterhalten, sondern im besten Einverständnis die Elemente bei den Aufnahmen variiert?
Müller: Für mein Empfinden ist es bei Mutter Stücken immer relativ klar, was es zu machen gilt. Deswegen habe ich mich früher immer gefragt, warum jemand stundenlang rumfrickelte. Das ging mit Dirk wahnsinnig schnell, weil er das sofort begriffen hat.
Dresselhaus: Es ist aber auch so, dass der Raum viel vorgibt. Ich hab mir was dabei gedacht bei dem Set-Up. Alles ist fest mikrofoniert, ich muss nur answitchen und es kann losgehen. Das heißt aber nicht, dass da am Ende immer das gleiche bei raus kommt, da man mit dem Material danach alles mögliche machen kann.

Lasst uns noch mal kurz auf den Größenaspekt zurückkommen. Max , du meintest ja dein erste Gedanke sei gewesen: „Ganz schön klein!“.
Müller: Oh ja!

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Julie hat den Plan

Wobei man einen großen Studioraum als Band doch nur selten wirklich nutzt, oder?
Müller: Klar, das ist totaler Quatsch. Da habe ich diesmal zum ersten Mal drüber nachgedacht: Braucht man nicht, man sitzt eh immer nur in seiner Ecke rum. Wir haben zwei Platten in Italien in einem umgebauten Schweinestall aufgenommen. Es ist natürlich ein geiles Gefühl, wenn man in einem Kathetralenartig großen Raum steht.
Dresselhaus: Man kann als Rockband in einem Raum mit der hießigen Größe ordentlich Druck aufbauen, man kriegt hier einen tierischen Schub hin. In einer großen Scheune verpufft alles.
Müller: Wobei die meisten Studios schon eher groß sind, das ist also dein Ding, Dirk, oder?
Dresselhaus: Ja, das ist meine Philosophie. Ich habe den Raum auf der Basis meiner früheren Homestudioerfahrungen gebaut. All die Wände hier sind mit Absicht ungerade gebaut worden.
Müller: Ach so, das ist extra hierfür gebaut worden?
Dresselhaus: Natürlich. Wie gesagt: ich bin ja früher auch nie gerne in Studios gegangen. Aber das hier ist ja auch kein richtiges Studio.
Müller: Das ist eine Sauna.
Dresselhaus: Eine Zone!
Müller: Die Ostzone.
Dresselhaus: Ich habe meine Zone nach Instinkt gebaut, basierend auf den Erfahrungen, die ich als Homerecorder in meinem Wohnzimmer seit 1993 gemacht habe. Wenn man so lange Musik produziert, sieht man beim Betreten eines Raums sofort, wie er klingt. Leute, die eine Tontechnikerausbildung haben und wissen, wie man alles am besten aufstellt, finde ich oft nicht gut. Man kann ruhig Dinge ausprobieren, die laut der Toningenieuren total verboten sind. Das mache ich hier extrem viel, das ist sozusagen der Sinn des Studios. Und Fehler benutzen ist sein Thema.

Max, Mutter gibt es seit Mitte der 1980er Jahre. Wenn man eine Band so lange so konstant betreibt, dient dann nicht doch der Musikerproduzent dazu, neue Einflüsse in den Sound einzubringen?
Müller: Nein. Wir haben als Band auch nie was mit einer anderen Band gemacht, wir mögen noch nicht mal Vorbands. Wir schöpfen unseren kreativen Input voll und ganz aus uns heraus.
Dresselhaus: Als wir das Album zu zweit hier fertig produziert haben, brachte ich mich als Musiker aber schon ein und nicht nur als reiner Tontechniker.
Müller: Das ist toll!
Dresselhaus: Das, was wir mit Locust Fudge machen, und das, was ihr mit Mutter macht, ist ja nicht so weit voneinander entfernt: fette, verzerrte Bässe und blablabla. Obwohl ich selber nichts darauf spiele, habe ich das Gefühl, ich hätte die ganze Platte selbst eingespielt – und ich mein das nicht doof. Ich kann mich hundert Prozent damit identifizieren.
Müller: Wenn ich für jemanden anderes produziere, zum Beispiel die Filmmusiken, dann soll mir das auch Spaß bereiten. Bei dir hat man bemerkt, dass du das mochtest.
Dresselhaus: Nach dem Mischen war ich echt fertig.
Müller: Das glaub ich. Du bist ja ewig hier im Keller gehockt.
Dresselhaus: Ich hab das drei Wochen lang jeden Tag zehn Stunden gehört.
Müller: Und draußen war das geilste Wetter: nur Sonne. Das nächste Mal fahren wir doch wieder in die Toskana in das Haus, da kann man ja auch ein kleines Zimmer nehmen.

Locust-Fudge-(Photo--Sebastian-Meyer)

Locust Fudge (Photo Sebastian Mayer) Dirk Dresselhaus: „Wir haben die letzten anderthalb Jahre das gemacht, was wir eigentlich 1997 machen wollten. Krite (Christopher Uhe) und ich sind damals aufs Land bei Detmold gezogen, um dort ein Haus zu renovieren und ein Studio einzubauen, wo dann unter anderem das Locus Fudge Album entstehen sollte. Damals ist das Projekt jedoch kollabiert. Wir haben als Locust Fudge zwischen 1999 und 2013 lediglich drei Konzerte gespielt, eines alle fünf Jahre. Als dann Kapitän Platte, ein Bielefelder Vinyllabel anfragten, ob wir Lust hätten, dass sie die alten Alben aus den 90ern auf Vinyl herauszubringen, hauchte das uns wieder Leben ein – das dauerte dann auch noch mal fünf Jahre, aber als es soweit war, spielten wir 2014 zum Release als Trio mit dem japanischen Schlagzeuger Chikara Aoshima eine kleine Tour, was nach all den Jahren des Knöpfchendrehens im Studio total Spaß gemacht hat. Nur alte Sachen zu spielen, war uns jedoch zu langweilig, also streuten wir auch neue Songs mit ein – und nahmen diese später, ebenfalls in Triobesetzung und mit diversen Gästen wie J. Mascis, Wolfgang Seidel (der erste Schlagzeuger von Ton Steine Scherben, der viel mit Conrad Schnitzler gearbeitet hat), Zappi (von Faust), Ulrich Krieger (Saxofonist von zeitkratzer und Lou Reed) und Chris Brokaw auf.

 

Stichwort Filmmusiken. Wie wichtig sind die anderen Baustellen für die Hauptband?
Müller: Ich kann das nicht voneinander trenne. Das gehört alles zusammen. Meine Texte entstehen ja nicht aus Jux und Dollerei und auch das Cover male ich extra für das Album. Das Rund-um-Müller-Wohlfühlpaket kriegt man bei mir für den Preis von … was kostet eine Platte?
Dresselhaus: 17€.

20170202_162450„Der Traum vonm Anderssein“?
Müller: Das ist der Titel.

Ja, das weiß ich.
Müller: Willst du jetzt, dass ich dir den erkläre? Das kann ich nicht.

Ist das noch der eigene Traum oder handelt es sich dabei um einen spöttischen Kommentar auf die veränderte Welt da draußen?
Müller: Weiß ich nicht. Ich fand es einen guten Titel. Bei den anderen Liedern ist es so, dass der Titel gar nichts mit dem Lied zu tun hat. Das ist alles ziemlich frei, ich habe teilweise auch komplett frei eingesungen.

Komplett frei meint, dass du in bester Rap-Manier mit ein paar Gedanken in den Song rein bist und es dann assoziativ hast laufen lassen?
Müller: Ja! Teilweise hatte ich auch gar nichts und habe aus dem Augenblick heraus auf die Musik reagiert. Auch die Songstrukturen sind diesmal vager und teilweise auch erst im Studio entstanden.
Dresselhaus: Wir haben aus längeren Stücken Sachen rauseditiert.
Müller: Zunächst dachte ich, dass wir das sogar viel radikaler machen würden.
Dresselhaus: Das darf man nicht zu viel machen
Müller: Da habe ich auf dich gehört.

Lasst uns nochmals kurz auf den „Traum vom Anderssein“ zu sprechen kommen – wie kam es, dass ihr beide in den 80er Jahren mit dem Musikmachen angefangen habt?
Müller: Das ist einfach so passiert. Ich habe nie anders gelebt Ich habe mit 15 angefangen, Musik zu machen und nie drüber nachgedacht, ob ich davon leben kann oder nicht. Es gab keinen Plan, es ging immer. Viele haben ja diesen Traum, so individuell wie möglich zu sein, gerade in dieser Zeit. Ich habe festgestellt, dass man gar nicht besonders sein kann – auch ich bin einfach nur sehr gewöhnlich. Ja, ist so, empfinde ich so. Der Mensch ist eben gewöhnlich. Es stechen nicht viele raus – und selbst die nicht lange. Ich kenn viele, die den Wunsch haben, etwas darstellen zu wollen, merke aber zumeist schnell, das hinter dem Wunsch nichts steckt.
Dresselhaus: Bei mir war das so ähnlich wie bei Max. Wenn man als Teenager anfängt in Bands zu spielen, resultiert das aus dem Bedürfnis heraus, nicht wahnsinnig zu werden in dieser Welt. Ich wusste schon mit sieben, dass ich nicht so ein normales, tristes Leben führen wollte, wie es meine Familie um mich herum mir vorlebte. Insofern gab es da schon diesen Traum vom Andersssein, da man sonst total durchgedreht wäre. Die Musik hält einen zusammen. Je älter ich werde, und gerade in unserer Zeit, gilt: wenn ich Musik nicht hätte, würde ich komplett abdrehen. Ich bin so froh einen Fokus zu haben und kreativ sein zu dürfen mit anderen Menschen. Wenn ich der „Der Traum vom Anderssein“ höre, dann stärkt mich das im Gefühl, dass man sich heute sehr bewusst aussuchen muss, welche Impulse man in die Welt setzt – in welcher Form man Täter sein will, und von was man Opfer sein will. Es ist traumhaft, dass man so etwas wie Musik machen kann.
Müller: Halleluja!
Dresselhaus: Wenn Trump erstmal Chef von der EU ist, dann wird alles verboten.
Müller: Weltpräsident!
Dresselhaus: Räume für Utopien sind so wichtig. Man muss rumspinnen, die Situation ist ansonsten viel zu trist.

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Die Gesten der Wissenden

Genau da zielte die Frage hin. Max, du bist ja im Berlin der 1980er Jahre groß geworden…
Müller: … das war das Geilste!

Damals gab es das Bewusstsein des Andersseins in dem Sinne – was ihr angesprochen habt –, dass man eben nicht den Lebensweg der Eltern nachgehen wollte. Wenn man heute auf Berlin schaut, dann ist der gelebte Traum vom Anderssein ja ein anderer als der damalige. Die Idee dessen, was ein alternativer Lebensstil ist, hat sich schon sehr verändert.
Dresselhaus: „Don´t fear the IS, fear our incredible Crème Brûlée”, stand ernsthaft in Neukölln in einem französischen Hipsterladen auf dem Klo. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Müller: Ach Gott, das ist halt so und war es auch schon immer auf der ganzen Welt. Ich bin nicht schockiert und finde Berlin immer noch total gut und die geilste Stadt auf der ganzen Welt – nach Paderborn.

Es ist also nicht so, dass ein paar der Titel des Albums sich auf deine veränderte Lebenswelt beziehen, Max?
Müller: Nein. Das Thema habe ich mit dem Album davor abgearbeitet. Auf „Text und Musik“ ging es um Fragen wie: „Wer hat schon Lust so zu leben“?

Wobei man aus „So bist du“, „Fremd“, „Geh zurück“ schon das bauen könnte, was ich da rauslese.
Müller: Ich mag die Menschen alle! Ich kann nicht auf irgenwelche Spanier und Amerikaner sauer sein. Ich habe es doch genauso gemacht und bin nach Berlin gegangen, weil ich auf die Bundeswehr keine Lust hatte – Berlin war für Vögel wie mich ein Paradies, warum sollte ich das nun anderen verbieten.

Das wär nun wirklich die falsche Haltung.
Müller: Im Gegenteil. Ich freue mich über ihr Kommen.
Dresselhaus: Ich habe noch nie in Paris, Manhattan oder London gelebt …
Müller: … das könntest du auch nicht, es ist zu teuer.
Dresselhaus: .. aber ich muss sagen, auch wenn es wegen der Zuzüge nun diese Wohnraumprobleme gibt, ist Berlin jetzt durch sie so viel interessanter als in den 90er Jahren – auch wenn ich dafür jetzt kritisiert werde. Die Stadt ist wesentlich internationaler geworden. Es kommen ja nicht nur Leute mit Elternkohle aus New York oder Schweden, die ein Apartment kaufen, kurze Zeit ein Pseudokünstlerdasein führen um dann wieder abzuhauen und die Wohnung teuer zu verkaufen. Es gibt so viele Leute, die geniale Sachen machen. Es wird zu viel auf den negativen Aspekten rumgeritten.

Gab es mal Zeiten, wo ihr euren Lebensweg hinterfragt habt?
Müller: Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich das anders hätte machen sollen. Das, was ich mache, mache ich seit ich denken kann. Es gab keinen Auslöser im klassischen Sinne, keine unglückliche Kindheit. Für mich stand es nie zur Debatte, in Wolfsburg im Werk zu arbeiten – und da es in der Stadt sonst nichts gab, ging ich eben weg. Die Vorstellung morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, das kann ich überhaupt nicht. Für jemanden zu arbeiten habe ich immer als Zeitverschwendung empfunden. Man sitzt da und schaut auf die Uhr, das ist wie Knast! Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe schon mehrmals gearbeitet. Ich habe mal eine Malerlehre angefangen und war abends immer so müde, dass ich vorm Fernseher wie ein Blödmann eingepennt bin. Ich merkte schnell, da rutscht man rein und macht irgendwann seinen Frieden mit dem Geld von der Arbeit. Also bin ich, noch bevor ich volljährig war, nach Berlin gezogen. Meine Mutter musste noch unterschreiben: „Junge, hast du es dir auch gut überlegt?“ – „Ja, ich will Punkrocker werden.“

Aber sie hat unterschrieben!
Müller: Sie hat unterschrieben. Das ging auch nicht anders, so ein Wildfang wie ich war.

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Dirk Dresselhaus in der Zone

Dirk, als du vorhin erwähnt hast, dass du zwei Wochen an dem Album abgemischt hast, war mein erster Gedanke: „Das wird wohl kaum aus dem Budget der Band Mutter finanzierbar gewesen sein.“
Müller: He, he, he! Wir hatten ein riesiges Budget.
Dresselhaus: Das habe ich aber nicht gekriegt.
Müller: Das hab ich mir eingesackt.

Dieser Möglichkeitsraum für solche Projekte steckt im Bewusstsein des Andersseins ja mit drin – und ist doch sehr untypisch für die normalen kapitalistischen Zusammenhänge in unserer Welt.
Dresselhaus: Ja, ich mache das immer so. Ich habe keine festen Preise. Mit manchen Projekten verdiene ich ganz okay und die finanzieren dann die anderen, die leider häufiger vorkommen, wo nicht so viel Geld reinkommt. Ich arbeite relativ hart am Material. Aber es ist nunmal so, manchen Leute haben einfach kein Geld und wissen auch nicht, wo sie an welches rankommen könnte für ihre Produktion, aber sie machen trotzdem fantastische Musik.
Aber war das überhaupt die richtige Antwort auf deine Frage? Ich habe beim SMS schreiben leider nur halb zugehört.
Müller: So kann man professionell kein Interview führen.
Dresselhaus: Ich wusste schon mit sieben, als ich das erste Mal das „White Album“ der Beatles gehörte habe, dass ich so leben wollte wie die. Bei einem Lied wie „Revolution 9“ fragte ich mich, wie die das machen können und damit auch noch Geld verdienen? Die Platte hat mich so geflasht. Auf dem Cover einer anderen Beatles Platte sassen die alle hinter einem Glastisch mit überquellenden Aschenbechern und Alkohol und ich dachten mir nur: „Wow! Die hängen so cool ab und verdienen so viel Geld damit – das will ich auch!“

Ist der Traum aufgegangen?
Dresselhaus: Jein. Ich habe die Schule ein Jahr vor dem Abi geschmissen – meine beiden Eltern waren Lehrer – und mich danach mit verschiedenartigen Jobs durchgeschlagen, um ja weiter Musik machen zu können: Müllabfuhr, LKW-Fahrer, Bücher-Kommissionär. Ich kenne die Arbeitswelt extrem gut und weiß, wie man sich da ausbeuten lässt. Das ist total verschwendete Lebensenergie. Du musst deine Leidenschaft finden. Irgendwann merkst du, dass du, wenn du weiter diese Jobs machst, nicht weiter kommst – das gibt außer Geld nichts zurück.

Max, letzte Frage: Wie fühlt sich angesichts von Trump dein Backkatalog für dich an? Ich ziele natürlich auf Songs wie „Europa gegen Amerika“, „Der Krieg ist vorbei“ und „Die Neue Zeit“ hin?
Müller: Krass. Irre. Wir waren immer schon als Band wegweisend, es hat nur keiner bemerkt. Jedes Mutter Album ist entweder tierisch der Zeit voraus und viel zu früh oder …
Dresselhaus: … oder so weit hinterher, dass es wieder weit voraus ist.
Müller: Bereits vintage-retro wenn es erscheint.

Vintage-Retro – das klingt wirklich schrecklich.
Müller: Geiler Ausdruck, den ich geprägt habe.
Dresselhaus: Vintage-Futurisms.
Müller: So futuremäßig.

Ich glaube ich hab genug von euch.

 

 

 

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