Mittwoch, 13.12.2017
Frank Spilker über ByteFM und Insolvenz & Pop

„Ich selbst bin ja gar kein richtiger Radiomann.“

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Frank Spilker nach produzierter Byte-FM-Show. (Photo: Martin Krüger)

Im Unterschied zu vielen anderen Leuten, die sich bei ByteFM um ein aufregendes und in der deutschen Medienlandschaft einzigartiges Programm bemühen, bin ich selbst ja gar kein richtiger Radiomann. Jedenfalls sehe ich mich nicht als solchen. Aus Spaß und weil ich fand, dass der damals in den Kinderschuhen steckende Sender Unterstützung verdient hätte, habe ich vor sechs Jahren angefangen, einmal im Monat die von mir geschätzten oder neu entdeckten Musikwerke geistig Revue passieren zu lassen und daraus die eigene Sendung „Frank-A-Delic“ zu stricken. So als würde ich eine Musikkassette für eine FreundIn aufnehmen, wie man das früher gemacht hat, bevor der Tausch alles Immateriellen so einfach geworden war.

Da ich bis heute dabei bin, umweht mich schon der Hauch eines Veteranen, dabei haben diesen Status wohl eher ganz andere Byties verdient: Klaus Walter zum Beispiel, der seine Sendung „Der Ball ist rund“ fünfundzwanzig Jahre im hessischen Rundfunk moderiert hat, bevor er sie zu Byte FM transferierte. Oder Klaus Fiehe, der wahrscheinlich schon genau so lange beim WDR dafür sorgt, dass der um die musikalische Avantgarde bemühte Radio-DJ, der seine Platten (!) selber aussucht und Gutes von Schlechtem zu scheiden weiß, nicht ausstirbt, obwohl die Medienlandschaft diesen Typ des Journalismus eigentlich schon vor Jahrzehnten geschluckt hat. Letzter hat immerhin noch einen bezahlten Job, wenn auch einen kleinen beim öffentlich-rechtlichen Radio, während Klaus Walter nach 20 Jahren Sendung bim HR gefeuert wurde, eine triste Tatsache, die sich auch auf seine ByteFM Tätigkeiten auswirkt: Seit ungefähr einem Jahr fügt er den eMail Benachrichtigung zu seinen Sendungen bei ByteFM einen längeren Text bei, um zu erklären, warum er sie um eine Stunde kürzen musste. Im Wesentlichen geht es darum, die Qualität der Sendung nicht zu gefährden, weil man sich die Zeit für ihre Produktion irgendwo her nehmen muss. So als Hobby halt.

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Die November-Playlist von Frank Spilker.

Normalerweise produziere ich meine Sendung ja Zuhause und liefere sie digital an. Aber stellen wir uns Mal vor, ich würde ausnahmsweise einen von mir bespielten USB-Stick ins ByteFM-Studio tragen und dabei unten auf der Treppe des Bunkers, wo das Studio ansässig ist, den Senderchef Ruben Jonas Schnell treffen, der gerade seine eigene Sendung live moderiert hat, dann würde es wohl zu diesem Dialog kommen:

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Ruben Jonas Schnell

„Hallo Ruben,“ würde ich ihn begrüssen, „Hallo Frank, das ist aber nett,“ würde er antworten, weil wir uns gar nicht so oft treffen, das ist halt der Nachteil des Home Office aka Home Studios.
Und nach einem kurzen Small Talk, wie es so ginge und so weiter, sagte ich dann folgendes: „Ich schreibe einmal im Jahr einen Artikel für das Kaput Magazin“, ich legte eine Kunstpause ein und fügte hinzu: „natürlich auch unbezahlt.“ Er würde den Wink verstehen und mir herzhaft auf die Schulter klopfen: „Ja, ja, du weißt doch: wir arbeiten daran.“ Nur dieses Mal, für euch liebe Leser, würde ich außerdem ein par Fakten erfragen, die ich schon kenne und er würde mir diese Fragen beantworten, weil Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls zu seinem Aufgabenbereich gehört:

Ruben, was war die ursprüngliche Motivation ByteFM zu gründen? Was waren die Ziele?
Ich hatte den Eindruck, dass genau so ein Sender wie ByteFM es geworden ist, im deutschen Radio fehlte. Es gab und gibt viele tolle Musiksendungen im öffentlich-rechtlichen Radio, aber keinen Sender, der sich rund um die Uhr journalistisch mit hochwertiger (Pop-)Musik beschäftigt. So einen Sender wollten wir mit ByteFM auf die Beine stellen. Das ist uns gelungen.
Die Erwartungen wurden also erfüllt?
Sie wurden weit übertroffen. ByteFM hat sich als wichtiger Sender im deutschen Radio etabliert. Erfahrene Moderatorinnen und Moderatoren und wichtige Protagonisten der deutschen Musikszene waren von Anfang an am Start, und auch Musiker, Labels und Promo-Firmen hatten ByteFM sofort auf dem Schirm und unterstützen den Sender seither. Wir haben für unsere Arbeit viele Preise bekommen: Grimme Online Award, Lead Award, Hans, Deutschland – Land der Ideen, Rocko-Clein-Preis. Und vor allem wird unser Sender viel gehört: Das Programm wird im Monat 900.000 mal eingeschaltet – im Schnitt für 76 Minuten. In einer durchschnittlichen Stunde zwischen 10 und 22 Uhr hören 3.500 Menschen den Webstream von ByteFM – täglich 30.000 Menschen. Über die UKW Fenster in Hamburg (täglich zwischen 19 und 22 Uhr bei 917xfm) und Berlin (Montag bis Freitag zwischen 10-12 Uhr bei 88vier) erreicht ByteFM täglich weitere ca. 35.000 Hörerinnen. Das Feedback ist nach wie vor euphorisch.
Welche Ziele gibt es zur Zeit?
Wir möchten ByteFM weiter etablieren und irgendwann in der Lage sein, Moderatorinnen und Moderatoren zumindest durch eine Aufwandsentschädigung zu entlohnen.
Welche Tätigkeiten bei ByteFM werden bezahlt?
Unsere Chefs vom Dienst werden bezahlt, die den technischen Betrieb am laufen halten: also Sendungen einpflegen, Webseite pflegen, Gäste betreuen und Praktikanten betreuen. Die Technik im Haus wird bezahlt, genau wie die Betreuung des Fördervereins „Freunde von ByteFM“und die redaktionelle Planung der täglichen Sendung „ByteFM Magazin“, und seit kurzem auch eine Graphikerin.
Welche nicht?
Reine Autoren-Sendungen.
Wenn die Umsätze nicht ausreichen, um alle Mitarbeiter angemessen zu bezahlen, wie ist dann die Verteilungspolitik?
Tätigkeiten , ohne die der Sender nicht funktionieren kann, werden honoriert. So viel wie möglich wird bezahlt. Wir bezahlen, so gut es eben geht. Jedes Jahr ein bisschen besser als das Jahr davor.

Das klingt logisch. Was aber auch logisch klingt, ist die Tatsache dass ein Sender nicht deshalb mit Preisen überschüttet und vom Publikum geliebt wird, weil er den Betrieb aufrecht erhält. Diese gibt es für die inhaltliche Arbeit, und jene Essenz des Ganzen wird weiterhin, und so wie sich die Entwicklung für mich darstellt, auf absehbare Zeit, von Idealisten geleistet.

Hier unterscheidet sich die Welt der Kulturproduktion in die ich ByteFM jetzt mal ganz frech einordne von der Welt der Wirtschaft fundamental. Dort nämlich sind die Leute, die das Zünglein an der Waage darstellen, die es verstehen Produkte auf gesättigten Märkten unter zu bringen, Werber zum Beispiel, mit die best bezahlten. Autos bauen kann jeder, aber sie an den Mann zu bringen, ist die Kunst.
Dort wo kein Geld erwirtschaftet werden soll, ist die Zielsetzung eine andere. Bei den öffentlich rechtlichen Programmen geht es um die Grundversorgung mit Inhalten, die im Prinzip ein Gremium, der Rundfunkrat, bestehend aus Vertretern der Parteien und der Kirchen definiert. Abgesehen vom Programm, auf das ich später noch komme, entstehen dort beinahe zwangsläufig Strukturen, in denen diejenigen die Gelder verwalten und Budgets vergeben wichtiger sind als die Produzenten der Inhalte. Satte bürgerliche Karrieren und fette Renten gibt es bei ByteFM zwar nicht und deshalb auch keine Probleme mit einem Verwaltungswasserkopf, ganz unähnlich sind die Strukturen bei kleinerem Budget aber auch nicht. ByteFM ist weder die Erfüllung des Traumes von der Demokratisierung des Mediums Radio, noch frei von den Zwängen einer Gesellschaft, die Kultur immer noch viel zu oft, als etwas ansieht, dass man sich nebenbei leistet und der man im Zweifelsfall populistisch die Mittel kürzt, wenn es mal wieder eng wird, obwohl da ja immer gar nicht so viel zu kürzen ist.

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Block um Block: so „Frank-A-Delic“!

Was macht Byte trotzdem zu etwas so besonderen? Warum bemüht man sich ein überregionales, theoretisch weltweites Programm für „Spezialisten“ im Internet zu machen, wenn man damit gerade mal so viele Hörer erreicht wie mit zwei Stunden regionalem und terrestrischem Radioprogramm? (siehe Interview)
Für mich ist es die Erfüllung einer Sehnsucht, die früh in mein sich gerade musikalisch sozialisierendes Herz gesät wurde. Wie sind wir früher, und ehrlich gesagt mache ich das auch heute noch, dem Empfang des British Forces Broadcasting Service (kurz BFBS) hinterhergejagt. Wir groß war immer die Angst ihn hinter den nächsten Hügeln zu verlieren und wieder den Schwachsinn hören zu müssen, der in den deutschen Stationen lief und läuft. BFBS ist ein Fenster in die Kultur einer europäischen Metropole, das einem nicht nur durch die Besatzungsarmee, die es unterhalten soll, ermöglicht wird, sondern auch durch die Tatsache, dass es bei unseren britischen Nachbarn kein föderalistisch, dezentralisiertes Radio gibt. Die Radioprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der BBC können sich auf einzelne Spartenprogramme konzentrieren, weil sie landesweit senden. Bis hin zu BBC6, das es zwar auch nur im Internet gibt, in dem sich aber Moderatoren wie Jarvis Cocker und Giles Petersen tummeln, deren Programm hierzulande nur in den Nachtstunden zu hören sein würden. Die legitimen Erben John Peels, Lauren Laverne und Steve Lamacq sind übrigens auch im Programm von BFBS zu hören. Jetzt will ich nicht behaupten, dass es Sendungen von vergleichbarer Qualität im deutschen-öffentlichen Radio nicht gäbe, nur sind es eben die Ausnahmen, meist gut spät in der Nacht versteckt und wesentlich schlechter bezahlt, als ihre Kollegen vom Tagesprogramm (Nehmen wir als Beispiel Hans Nieswandt (und mittlerweile auch abgesetzt) und Klaus Fiehe beim WDR.).

Ironischer Weise – und hier passt das Wort einmal – sitzt ByteFM in genau dem Gebäude, dem Bunker am Heiligengeistfeld in Hamburg, das der NWDR (damals noch mit einem Buchstaben mehr versehen) benutzt hat, als es in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg wieder einen Rundfunk geben sollte. Dieses Mal lieber dezentral. Wer wusste schon, welcher Vollidiot sich demnächst wieder ein Mikro schnappen würde, um rassistische oder nationalistische Lügen zu verbreiten? (So die innere Begründung für das föderale Rundfunksystem.) Dann doch lieber alles kleiner und weniger Übel und Gefährlich. Leider heißt dezentral aber auch: Überall die gleiche Scheiß Musik.

Wenn ich heute Staatsoberhaupt wäre, würde ich mich ebenfalls für die Rückständigkeit der Kultur bei den europäischen Nachbarn entschuldigen, so wie der alte Fritz es getan hat (in seiner Schrift „Über die deutsche Literatur. Die Mängel, die man ihr vorwerfen kann, ihre Ursachen und die Mittel zu ihrer Verbesserung“). Zu einer Zeit als das noch möglich war, die Zeit vor der französischen Revolution und der später angeblich immer schon da gewesenen Feindschaft mit dem Nachbarland. Im Grunde sollte ich genau das über das deutsche Radio sagen, was Jens Friebe über das deutsche Kino gesungen hat, aber dann kommt wieder jemand und behauptet, dass ja wenigstens die Autobahn eine gute Idee gewesen wäre. Das ist nämlich die Falle bei dieser Argumentation oder Kritik: Negativer Nationalismus ist letztendlich auch Nationalismus. Trotzdem sind wirtschaftlich miteinander konkurrierende Nationalstaaten eine Tatsache und dadurch ist am Ende immer alles eine Frage der Produktivität: Die einen produzieren Kultur, die anderen machen Autos.

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