Dienstag, 12.12.2017
Gudrun Gut / Hans-Joachim Irmler - Insolvenz & Pop

“Ich bin lieber arm wie eine Kirchenmaus, bevor ich meine Prinzipien aus dem Blick verliere.”

Das erste Treffen der ehemaligen Malaria! Schlagzeugerin und Monika Enterprises Labelbetreiberin Gudrun Gut und dem Faust-Organisten Hans-Joachim Irmler fand in der Queen Elizabeth Hall zu London statt. Man verstand sich auf Anhieb gut, wozu eine Flasche Schnaps von der Alb ihren Teil beitrug. Bei der zweiten Begegnung, im Rahmen des von Faust initiierten Klangbad Festivals, machte man prompt Nägel mit Köpfen und verabredete eine künstlerische Zusammenarbeit, die im Album 500m (erschienen auf Bureau B) ihre Artefaktisierung erfahren sollte. Ein Album geprägt vom Vertrauen, Angstlosigkeit und dem Willen zur freiwilligen Weiterentwicklung sowie der Begegnung unterschiedlicher Soundkonzepte. Während der Orgelmeister Irmler die Elegie des Krautrocks einbrachte, kam Gut die Rolle der klar strukturierten Rhythmusgeberin zu. 

Kaput gewährten Gut und Irmler für die Reihe Insolvenz & Pop Einblicke in den Status Quo ihrer Rentenversicherungen.

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Gudrun Gut (Foto: Thomas Venker)

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Hans-Joachim Irmler (Foto: Thomas Venker)

Stichwort: Rentenbescheid. Gudrun, als du ihn neulich auf Facebook gepostet hast, brachte mich das darauf, dich anzusprechen, um in unserer Insolvenz & Pop Reihe mit dir über den ökonomischen Aspekt deines Lebens als Künstlerin zu sprechen. Weißt du die genaue Zahl deines letzten Bescheides?
Hans-Joachim Irmler: Bist du schon bei 33€?
Gudrun Gut: 250€ oder so waren es.
Irmler: Echt wahr? So ein junger Spund und schon so viel.

Weißt du, wie viel bei dir draufsteht, Hans-Joachim?
Irmler: Wahrscheinlich auch nicht viel mehr. Vielleicht doppelt so viel, ich bin ja auch viermal so alt.
Gut: Wie soll denn da auch was zusammen kommen?
Irmler: Eben. Die Gema zahlt Liveauftritte bei mir sowieso nie. Deswegen schreibe ich übrigens bei meinen Auftritten immer den Namen Christian Bruhns auf die Abrechnungsbögen.

Das ist dieser extrem erfolgreiche Schlagerkomponist und produzent?
Irmler: Geht doch sowieso alles an ihn. Mufti (FM Einheit, früheres Mitglied der Einstürzenden Neubauten) machte das übrigens auch so, da sind wir uns seit Jahren einig. Vielleicht ist es töricht, aber ich habe in 40 Jahren kaum was bekommen für Auftritte von der Gema.
Gut: Für Auftritte? Lächerlich.

Lasst uns noch mal kurz auf das Posting zu sprechen kommen. War das aus einer spontanen Laune heraus, Gudrun?
Gut: Ich habe in dem Moment auf meine Abrechnung geschaut und bin erschrocken: “Ach du Scheiße!” Facebook ist gut dafür, wenn man spontan Lust bekommt, allen etwas mitzuteilen. Viele meiner Bekannten und Freunde leben auch ein Freiberuflerdasein, denen geht es auch nicht anders.
Irmler: Das Freiberuflerleben ist wohl nicht so viel wert.
Gut: Man sollte Postbote werden. Die werden nämlich verbeamtet und kriegen eine wahnsinnig fette Pension. Man sollte also erst Postbote werden, sich dann endlos krankschreiben lassen und heimlich Musiker werden.

Wisst ihr noch, wann ihr das erste mal an so etwas wie Altersvorsorge gedacht habt?
Gut: Früher hat mich das Thema gar nicht interessiert. Das kam erst in letzter Zeit in mir auf, was daran liegt, dass meine Mutter einen Schlaganfall hatte und inzwischen in der Pflegestation ihrer betreuten Wohneinrichtung liegt. Das kostet jeden Monat ein wahnsinniges Geld. Obwohl sie eine gute Rente hat, eine weitaus bessere als ich, müssen meine Schwestern und ich da Geld zu schießen.

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So sieht Musik aus der Warte von Gudrun Gut aus. (Foto: Thomas Venker)

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Diese Box gehört der Gruppe Faust. (Foto: Thomas Venker)

Sorgt ihr denn privat vor?
Gut: Als es vor ein paar Jahren hieß, man müsse sich unbedingt noch privat absichern, habe ich in der Tat mehrere Versicherungen abgeschlossen. Man sagte damals ja auch, das sei steuerlich total reizvoll. Aber setze ich da wirklich etwas von ab? Ich verdiene ja gar nicht genug. Ich musste diese Rentenzusatzversicherungen aber leider beleihen, da ich ein paar Jahre später unerwartet viel Steuern nachzahlen musste. Jetzt sind die alle hoch verschuldet und ich zahle auch noch jedes Jahr Zinsen für diesen Scheiß.

Da haben sie viele geblufft damals. Es ist ja in der Tat so, dass Freie in der Regel gar nicht so viel verdienen, dass steuerliche Absetzmöglichkeiten so reizvoll für sie wären. Es ist absurderweise eher ein Anreizargument für Angestellte.
Gut: Ich bin da auch immer irritiert, wie wenig ich von meinen Lebenshaltungskosten absetzen kann. Die sind nämlich um einiges höher, als das, was ich einnehme nach Abzug der Steuer.

Das heißt du machst jeden Monat Verlust?
Gut: Eigentlich ja.
Irmler: Das heißt du bist existenzunfähig! Es wird dann aberkannt, was auch immer du tust!
Gut: Ich muss jetzt mal sagen, dass ich gar nicht so schlecht verdiene. Ich habe gut bezahlte Auftritte – allerdings pumpe ich viel von dem erwirtschafteten Geld wieder in mein Label Monika Enterprises hinein. Allein bin ich mit meinem Problem nicht. Den anderen in meiner Preisklasse geht es ähnlich, die sind am Ende des Monats auch immer kurz vorm Existenzminimum.

Das ist der Urtrieb des Kapitalismus. Er lässt den Leuten maximal 5 Prozent mehr als sie unbedingt brauchen. Egal wie man lebt, man kommt gerade so zurecht.
Gut: Genau. Egal wie viel man verdient, es reicht nur knapp. Wenn du ein bisschen mehr hast und dir gerade mal einen chicen Mantel leisten willst, dann kommt die Steuer, die du so nicht auf der Rechnung hattest.
Irmler: Das ist seit 1975 so extrem geworden. Ich meine mich zu erinnern, dass das damals ein Thema war, weil wir bis dahin so richtig in Saus und Braus lebten: wenn man zwei Wochen im Hafen gearbeitet hat, dann konnte man anschließend tatsächlich ganze zwei Monate von dem Geld rumhängen. Das war gewissen Menschen ein Dorn im Auge. Ein heute großohriger Minister hat 1975 verkündet, man habe die Sache jetzt im Griff. Ab da an bewegte es sich strikt zu diesen 5 Prozent hin.

Hans-Joachim, wie ist das bei dir? Machst du auch jeden Monat Miese?
Irmler: Es ist ein hin und her Gehabe. Meine Frau sagt immer, ich solle einfach ein paar Konzerte mehr geben, dann sei alles gut. Was aber so auch nicht stimmt, denn auch wenn ich viel in meinen Studio arbeite und Auftritte gebe, endet es immer in derselben knappen Situation.

Verdient deine Frau denn auch?
Irmler: Sie ist auch selbständig und verdient ihr Geld.

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Die geheime Welt des Krautrocks (Foto: Thomas Venker)

Naja, wenn man als Paar zusammen lebt, stellt man doch auch eine Gemeinschaft dar, die zusammen hält und sich gegenseitig stützt.
Gut: Bei mir ist es so, dass mein Partner Thomas (Fehlmann) ein höheres Einkommen hat und mich unterstützt. Was ihn manchmal schon nervt.
Irmler: Dich doch bestimmt auch.
Gut: Also bei mir geht es. Wir sprechen da öfters mal darüber – er hofft immer, dass ich irgenwann mal mehr verdiene und das sich ausgleicht. Solche Phasen gab es auch schon, aber dann musste ich plötzlich viel mehr Steuern zahlen. Das ist wie bei einem kleinen Bäckerladen. In dem Moment, wo du dich nicht in die große Kapitalismuskette einreihst, hast du schlechte Karten.
Irmler: Das Problem ist doch, dass man genötigt wird, sich nach und nach zu vergrößern. Aber dieser Wachstum ist der allergrößte Schwachsinn. Es hat nun mal jeder drei Kühlschränke – zumindest ich habe mehr als drei. Da kann man sich noch so bemühen, alles zu machen, was die Wirtschaft erwartet, es ergibt keinen Sinn mehr. Sie verkaufen nicht mehr, weil wir nun mal weniger Geld haben. Mittlerweile ist es eine Totgeburt.

Das geht ja allen so. Wenn dieser Tage die europäische Zentralbank 3600 pro EU-Bürger in den Markt pumpt, um gegen die anscheinend grasierende Deflation vorzugehen anscheinend, da sie nicht reflektieren, dass es nur eine Fata Morgana ist, die vom niedrigen Ölpreis vorgetäuscht wird -, dann geht dies an der Realität der meisten Bürger vorbei. Ihr steht als Musiker ja nicht alleine da im Kulturbetrieb, Autoren wie mir geht es ebenso kontinuierlich schlechter. Kaum ein Verlagshaus hat in den letzten fünf Jahren die Honorare an die Inflation angepasst, von eigenständigen Erhöhungen, die darüber hinaus gehen mal ganz abgesehen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Man hat also, um in den Begrifflichkeiten des Wirtschaftssystems zu sprechen, eine schwindende Kaufkraft tja, und dann soll man eine Sehnsucht nach einer gesteigerten Inflation fühlen, da die Wirtschaftswissenschaften das nun mal als zwingend ansehen.
Irmler: Völlig absurd.
Gut: Konzerte in Deutschland sind für mich mittlerweile die am schlechtesten bezahlten weltweit. In jedem anderen Land werde ich besser bezahlt als im reichen Deutschland. Man sollte meinen, es wäre anders, schließlich bin ich hier am bekanntesten.
Irmler: Da kann ich nicht widersprechen. Ein gutes Beispiel sind diese Räumlichkeiten hier – das sagt einiges darüber aus, wie ein Künstler angesehen wird.

Du meinst den Backstage Raum hier im FFT Düsseldorf?
Irmler: Ja. Ich wollte schon mal eine Dokumentation machen über die Garderoben und Toiletten der Orte, an denen ich auftrete.
Gut: Wir führen ein Zigeunerleben. Der Szary von Modeselektor, die ja bekannt sind und fette Bühnen bespielen, hat gerade mit “Backstage Tristesse” ein Buch veröffentlicht, wo er mal all diese Orte festgehalten hat. Ich erinnere mich noch, wie wir mit Malaria im Studio 54 gespielt haben: Der Taxifahrer lag mir damals zu Füßen, “wie geil, du spielst da…” – und Backstage rannten die Ratten rum. Es existiert eine wahnsinnige Diskrepanz zwischen dem großen Schein und der Wahrheit. Selbst Superstar-Schauspieler leben während der Dreharbeiten in einem fucking Trailer. Unsere Leben sind nicht glamourös.

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Hans-Joachim Irmler dehnt Zeit und Raum. (Foto: Thomas Venker)

Konkret gefragt: Wird es für euch möglich sein, wirklich in Rente zu gehen? Also an einem Tage x alles fallen zu lassen und gar nichts mehr zu tun?
Irmler: Gar nichts mehr machen, geht bestimmt nicht. Nennen wir es also Lebenshilfe.
Gut: Das glaube ich auch nicht. Wie sollte das denn gehen, mit meinen 250€ komme ich jedenfalls nirgendwo hin.
Irmler: Das reicht nicht mal bis zur Haltestelle, um bei Rewe auszusteigen.

Letztlich steht in so einem Rentenbescheid ja dann nichts anderes drin als: Sie werden spätestens mit dem Eintritt ins Rentnerdasein zum Sozialhilfeempfänger oder Hartz 4 Empfänger wie es ja jetzt heißt.
Gut: Die Sozialhilfe funktioniert nicht wirklich für einen Künstler. Zuallererst, da ich mit den Ämtern nichts zu tun haben will.
Irmer: Für die Ämter hat man sowieso immer irgendwas zu viel, eine Gitarre zum Beispiel.
Gut: Absolut, ich würde gar nichts kriegen. Allein schon, da Thomas und ich ja ein Haus in Sternhagen auf dem Land besitzen. Das ist eine von den paar Sicherheiten, die wir uns zugelegt haben, damit man später zumindest mal irgendwo Wohnen kann. Es ist wichtig, die eigene autarke Lebenseinstellung weiter betreiben zu können. Mir ist bereits vor langer Zeit klar geworden, so rund um meinen 30 Geburtstag herum, dass es alles ein bisschen schwierig werden könnte im Alter, dass man Probleme bekommen könnte. Gleichzeitig war für mich damals auch klar, dass ich nicht nochmal eine andere Richtung für mein Leben einschlagen will. Der Weg war gewählt.
Irmler: Es geht darum, Bewegungsfreiheit zu besitzen. Wenn du in Miete wohnst, bist du in der Regel in deiner Individualität eingeschränkt. So Personen wie wir haben ein Bedürfnis, das auszuleben, was uns prägt. Als Mieter hast du sehr viele von den Klischees am Hals, von denen man immer hört, und die nicht zu einem passen.

Hast du denn ein eigenes Haus auf der Schwäbischen Alb?
Irmler: Da reicht es in der Regel ganz schlecht zu – ich habe mich damit verschulden müssen.
Gut: Du bekommst als Künstler mit unsteten Einkommen keinen Kredit. Banken verstehen das nicht. Sie verstehen uns nicht. Klar hätte man schon früh einen Bausparvertrag abschließen sollen. Aber wie hätte man ihn bedienen sollen, wenn man nicht jeden Monat sein Geld zum gleichen Termin bekommt?

Das heißt, Thomas und du habt euren Bauernhof dort gekauft, wo er so günstig war, dass ihr ihn in bar erwerben konntet? Und in Berlin lebst du dann klassisch zur Miete?
Gut: Ich wohne mittlerweile bei Thomas. Meine ehemalige Berliner Wohnung habe ich allerdings auch gekauft.

Wo wir gerade über die Unregelmäßigkeit der Einkünfte sprechen: bedeutet dies, dass ihr permanent euren Lebensstil der Situation anpassen müsst?
Irmler: Du musst variabel sein. Du kannst es dir nicht leisten, nur noch Jobs zu machen, die einen gewissen Betrag erwirtschaften. Man pokert zwar auch mal, dass es sich in zwei Jahren auszahlt, wenn man Dinge anders macht, aber allzu oft geht das nicht.
Gut: Ich hatte zum Beispiel eine Zeit, wo ich nur noch für Benefiz Konzerte angesprochen wurde. Da bin ich wahnsinnig geworden. Ich hatte damals gar keine Knete, aber alle wollten meinen Namen haben. Als ich dann sagte, “Jetzt ist Ende, ich mache nichts mehr für umsonst”, kam das nicht gut an in der Szene. Aber mir reichte es! Die Auftritte, das ist unser Einkommen, davon müssen wir leben. Die Plattenverkäufe existieren ja nicht mehr.
Irmler: Musik und davon leben ist an sich schon ein Widerspruch

Nun, was das Leben als Kulturjournalist angeht, sieht es auch nicht anders aus Redet ihr über den Komplex Wirtschaftlichkeit denn mit anderen Künstlern?
Gut: Natürlich, allein schon durch das Label. Selbst bei den bekannteren Künstlern auf Monika Enterprises ist Geld immer total wichtig.
Irmler: Es kommt ab und zu auf das Tablett, aber es wird nicht aktiv thematisiert.

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Gudrun Gut genießt den Soundcheck (Foto: Thomas Venker)

Wobei man an dieser Stelle mal anmerken muss, dass ihr und die Künstler in eurem Umfeld zu den zumindest Namensbekannten Leuten gehören. Dahinter gibt es ja ein großes Feld absolut unbekannter Künstler und Musiker, über die man nie etwas liest, und wo man sich fragt, wie diese dann zurecht kommen.
Gut: Es gibt unheimlich viele Leute, die gar keinen bekannten Namen gaben und trotzdem gut Geld verdienen. Indem sie zum Beispiel Filmmusiken bedienen. Die spezialisieren sich darauf, ein bekanntes Stück so nachzuspielen, dass es erkannt wird, es aber nicht Gemapflichtig ist, da drei Töne oder so geändert sind. Oder sie produzieren Auftragsarbeiten für Werbemusik. Oder sie tingeln durch die Lande mit Musik, die vielleicht aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu populärer Musik nicht wirklich interessant und spannend ist, mit der man aber echt viele Konzerte spielen kann und auf diesen auch gut Platten verkaufen kann. Von denen hat vielleicht noch nie jemand was gehört, aber sie haben es letztlich einfacher. Sie profitieren davon, dass in Deutschland die Popbildung nicht so groß ist. Um eine Kunstausstellung reflektieren zu können, musst du ein bisschen was von Kunst verstehen, sonst kannst du die Bilder nicht beurteilen. Und zu unsern Konzerten kannst du nicht gehen, wenn du das ganze Jahr nur …
Irmler: … wir nennen keine Namen … hörst. Da ist etwas dran. Das betrifft nicht nur die Zuschauer und Zuhörer, das fängt schon bei den Journalisten an. Es gibt kaum so schlecht recherchierende wie bei uns in Deutschland – aber sie werden eben auch sehr schlecht bezahlt. Hier weiß man selbst Basisdinge nicht. Schon verblüffend, wo wir Deutschen doch als so genau verschrien sind. Wenn man irgendwo sonst hinkommt, ist man überrascht wie gut informiert alle sind, wie gut sie die Historie aufgearbeitet haben.
Gut: In Deutschland wird man ja auch noch Djane genannt. Es ist immer noch nicht in den Köpfen drin, dass das nicht geht.

Traurig aber wahr. Zu einem Teil hat das mit den Strukturen in der Medienbranche zu tun. Da allerorts gespart werden muss, werden mittlerweile oft unterbezahlte oder gar nicht bezahlte Jungjournalisten zu Interviews geschickt, die dann auch noch drei solche Beiträge an einem Tag runter reißen müssen. Ich will das gar nicht entschuldigen, denn es ist natürlich nicht tragbar, sich nicht angemessen vorzubereiten, aber wo soll da denn die Zeit für Vorbereitung und Sorgfalt bleiben vom kaum möglichen kulturellen Vorwissen mal ganz abgesehen.
Wo du gerade Modeselektor genannt hast. Wie verhält sich die Situation denn, wenn man Kollegen trifft, bei denen es gut läuft? Sehen die die Unterschiede? Sprechen die das an?
Gut: Die Modeselektor Jungs und ich hatten vor einer Woche bei einem Glas Wein tatsächlich ein Gespräch über das Thema. Sie wollten wissen, warum ich in letzter Zeit so wenig mit Monika Enterprises veröffentlicht habe. Klar, die sehen alles anders, bei ihnen läuft es ja gut. Für mich waren die letzten Jahren aber eine harte Zeit. Durch das Zusammenbrechen der Vertriebsstrukturen, die Pleite von Hausmusik und anderen, habe ich viel Geld verloren. Meine ganzen Einnahmen als Künstlerin – damals hatte ich viele Konzerte mit guten Gagen – sind in das Label geflossen. Mittlerweile hat sich der Markt aber soweit beruhigt, dass ich es noch mal versuche. Weiter gingen die Diskussionen aber nicht. Ich will das aber auch gar nicht kritisieren, die haben bestimmt ihre eigenen Problematiken, die sie lösen müssen. Ich kann mir vorstellen, dass auf ihnen ein großer Druck lastet.

Den Druck, dass sie auch von der nächsten Platte so viel verkaufen müssen wie von der letzten? Ist das nicht ein Luxusproblem, wenn wir mal ehrlich sind? Obliegt man da nicht schon dem kapitalistischen Grundprinzip, dass alles immer wachsen muss, beziehungsweise genauso gut laufen muss wie zuvor. Kann man es nicht auch mal akzeptieren, dass die eine Platte jetzt eben ein total erfreulicher Ausreißer nach oben war? Muss alles gleich Standard werden?
Irmler: Viel Geld mit einem Label zu verdienen, das ist 2015 nicht mehr drin. Für uns Musiker bedeutet dies, dass wir hart für den Verkauf arbeiten müssen, und zwar indem wir viel auf Tour gehen. Früher haben wir mit Faust kaum live gespielt – bis 1990 gaben wir gerade mal 25 Konzerte.

Beneidenswert. Damals erlöste einen das Artefakt Album noch vom Druck des Daseins als Handlungsreisender in Sachen Musik.
Gut: Mit Malaria! sind wir sehr viel aufgetreten. Das war unser Spaßfaktor, es war aufregend, ein Kitzel.

Ihr tretet jetzt aber auch wieder auf? Ich meine eine Ankündigung gesehen zu haben.
Gut: Nein. Wir haben eine Abmachung: da muss schon eine ziemlich unwahrscheinliche Gage aufgerufen werden, erst dann spielen wir noch einmal. Nein, wir wollen das nicht. Ich fände es total scheiße. Ich bin lieber arm wie eine Kirchenmaus, bevor ich meine Prinzipien aus dem Blick verliere. Zumal ich mich als Solokünstlerin etabliert habe, da reizt mich das nicht. Malaria! verkörpern doch eine ganz andere Zeit. Ich bin jetzt über 50 Jahre alt, da würde es sich komisch anfühlen, diese Musik zu spielen, die wir in den 80ern gespielt haben.

Alle anderen machen das ja.
Irmler: Man muss unterscheiden, welche Art Musik die jeweilige Person damals gemacht hat. Man kann mit 50 nicht mehr so tun, als sei man der Punk von der Ecke. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn man gar nichts in den Jahren dazwischen erlebt hätte, so dass man noch einmal den wilden Mann geben muss.

Aber als ich euch mit Faust in den späten 1990ern in Tübingen getroffen habe, da habt ihr auch noch die Fernseher auf der Bühne zerstört.
Irmler: Ja, damals, da ging das noch. Heute würde ich das nicht mehr machen. Es gibt keinen Aufhänger mehr. Damals erschien es zumindest noch…

da gab es noch Röhrenfernseher
Irmler: … stimmt, einen Flachbildschirm zusammen zu schlagen, das wäre ja erst recht langweilig. Wir haben damals die Fernseher ja nicht wegen des Effekts kaputt geschlagen, sondern um das ganze System, das hinter dem Fernsehen steht, zu kritisieren. In sofern müssten wir es heute vielleicht doch noch machen!

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Der doppelte Soundcheck: Hans-Joachim Roedelius und Gudrun Gut (Foto: Thomas Venker)

Hans-Joachim, ich kenne deine Wohnverhältnisse in Wümme nicht wirklich. Aber ich stell es mir ein bisschen weniger verdichtet vor, was das kulturelle Milieu angeht, als bei Gudrun in Berlin. Hast du denn viel Austausch mit den anderen Leuten da und wie begegnen die dir denn? Kamen da in den Jahren auch mal Ratschläge, von wegen, dass du dir doch eine normale Arbeit suchen sollst?
Irmler: Ne, so etwas hat keiner je zu mir gesagt.
Gut: Mein Bruder hat das mal versucht. Aber das ist sehr lange her, und seitdem reden wir nicht mehr zusammen. Es ging damals darum, dass ich Kunst studiert habe, da war er total dagegen. Das sei doch brotlose Kunst.
Irmler: Die Frage, die wir uns doch alle stellen müssen: benötigt eine Gesellschaft solche Individuen wie uns?
Gut: Unbedingt!
Irmler: Das wird nicht diskutiert. Man redet zwar davon, dass die Gesellschaft immer mehr geistig verarmt, aber statt Freiräume zu schaffen, wie sie die Menschen in den 60er, 70er und 80er Jahren noch hatten, werden diese als nicht mehr wichtig erachtet. Es gibt eine hohe Konzentration an so genannter Kunst, verdichtet und zentralisiert – das bedeutet im Gegenschluss, dass eine geistige Verarmung stattfindet. Wenn du nur noch ein Großkaufhaus hast, ist es doch selbstverständlich, dass nur noch ein bestimmtes Angebot geliefert wird. Außerdem wäre da auch noch zu bemerken: es ist das Spiel mit der Angst der Menschen.

Das hat viel mit der mangelhaften Sozialisation der Leute zu tun. Es fehlt den meisten heute an einer steten Neugierde.
Irmler: Aber woher kommt das?

Der Gesellschaft gelingt es nicht, in den Leuten die Erkenntnis zu fördern, dass die stete Neugierde auf das Neue eine der bereicherndsten Erfahrungen ist, die das Leben zu bieten hat. Wenn man sie verliert, oder erst gar nie kultuviert, dann schneiden man sich ab von der grundsätzlichsten aller Lebensadern. Dieses Bewusstsein existiert in Deutschland aber nicht. Im Gegenteil: man wird mittlerweile seltsam angeschaut, wenn bei einem Zuhause der Boden voller Magazine, Bücher und Filme liegt, da man mal vom einem zum nächsten mäandert ist. Das Tiefenschürfen, diese intensive Erfahrung, die uns die Kultur bescheren kann, sie verschwindet.
Irmler: Früher hätte ich gesagt, das sei die Aufgabe des Staates, das dem nicht so ist. Aber das kann ich heute so nicht mehr sagen. Ich finde, es liegt an uns selbst, wir lassen uns mehr und mehr von Dingen einfangen, die das Erstarren nach sich ziehen. Angefangen hat das in den 70er Jahren, als uns auffiel, dass die großen Musikkonzerne – ähnlich dem DDR Vorbild – sich die kleinen Kinder unter die Nägel reißen wollten, in dem sie deren Musiksozialisation maßgeblich an sich rissen. Das Problem ist doch, dass diese, wenn sie später Erwachsen sind, gar nicht mehr nach den Alternativen suchen. Wenn man satt ist, dann sucht man nicht nach Neuem.

Es ist schon erstaunlich, dass in multikulturellen Gesellschaften wie der unseren, so wenige etwas über unsere italienischen und türkischen Nachbarn und deren Lese-, Hör- und Sehgewohnheiten wissen. Die naheliegendsten Gespräche mit den einem täglich begegnenden Menschen wird nicht gesucht.
Irmler: Bei Gudrun und mir ist es natürlich so, dass wir in der Tat in unserem Umgang ein bisschen gefangen sind und eher mit Künstlern zu tun haben. Ich muss zugeben, dass es für mich etwas Besonderes ist, wenn ich zum Schlachter gehe und mich mit diesem weitergehend unterhalte, so dass ich bespielsweise erfahre, dass er an dem Tag 930 Brötchen belegt hat. So ein Austausch ist selten. Normalerweise lebt der sein Leben und ich das meine.

Wenn du sagst, ihr seid tief in eurem Milieu verankert, so besitzt das doch sicherlich auch eine beruhigende Funktion für eure Zukunftsplanung. Ihr wisst im Alter vielleicht nicht, wo das Geld herkommen soll, aber ihr habt eine gesunde Einbindung in freundschaftliche Strukturen.
Gut: Ja, der Plan für unsere Musiker-WG, der ist intakt. Aber was ich noch sagen wollte: Für viele meiner Musikerfreunde und mich war es ein ziemlicher Schlag, dass die GVL Auszahlungen umgestellt und somit gekürzt wurden. Das Geld der GVL, der Gesellschaft für Leistungsschutzrechte, das seit jeher für die ausführende Kunst ausgeschüttet wurde, war immer mein Weihnachtsgeld, davon habe ich jedes Jahr die Geschenke gekauft – und jetzt ist es einfach weg. Das wurde von einer nationalen zu einer europäischen Angelegenheit – mit der Folge, dass die nur noch ans Fernsehen ausschütten. Da tauchen Leute wie wir aber nie auf. Das meiste geht jetzt nach England oder eben an die Schlagerleute, da es im Fernsehen nur Schlagersendunungen gibt. Früher hat man denen den Betrag gemeldet, den man durch künstlerische Arbeit im Jahr verdient hat, und auf der Basis gab es dann im Dezember eine Auszahlung. Ich hatte mich über die Jahre darauf eingestellt.
Irmler: Das bekommen jetzt jene, die es eh gut haben.
Gut: Früher war das okay, zuletzt gab es aber nur noch 3,50€. Unheimlich viele Sachen brechen weg: die Gema, weil man kaum mehr Platten verkauft, die Auftritte, weil alle übertouren…
Irmler: Der Witz ist, dass ich den Eindrucke habe, dass unsere jetzige Zeit dem individulen Charakter gewidmet ist, doch der Nutznießer sind die Kaufketten, die alles uniformieren.

Wie sieht es denn mit der etwas anderen, der künstlerischen Altersvorsorge aus? Damit meine ich: habt ihr durch euer Leben mit der Kultur kulturellen Besitz angehäuft, der euch später auch finanziell tragen kann. Gudrun, ich weiß zum Beispiel, dass dein Partner Thomas Fehlmann Bilder von Raymond Pettibon gekauft hat, als diese noch sehr günstig waren. Heute erzielen sie hingegen hohe Preise auf dem Kunstmarkt. Habt ihr beide solchen Besitz?
Gut: Ich bin nie Sammler gewesen.
Irmler: Ich sammel Orgeln, aber nur für mich.
Gut: Das stimmt, du hast sehr viele Orgeln.
Irmler: Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die mal jemand kaufen will.
Gut: Ich besitze ein Gerhard Richter Bild. Das wollte ich damals verkaufe, bevor ich meine Rentenversicherungen beliehen habe, aber das bin ich nicht losgeworden.
Irmler: Ge?
Gut: Ich habe damals mehrere befreundete Kunsthändler und ein Auktionshaus angesprochen, aber ich hätte das noch restaurieren lassen müssen. Selbst als ich es billiger verkaufen wollte, ging es nicht weg. Das ist nicht so einfach.

Wisst ihr euren monatlichen Break Even?
Gut: Ich brauche 2500€.
Irmler: Ich brauche doppelt soviel.

Die schwäbischen Rostbraten sind halt unheimlich teuer.
Irmler: Genau. Bei mir ist es ein bisschen mehr wegen dem Studio, das noch hinzukommt. Wenn du meinen rein privaten meinst, dann liegt der so ähnlich wie der von Gudrun.

Wie oft kommen die Momente der Zukunftsangst auf bei Euch?
Gut: Wenn ich pleite bin, habe ich keine gute Laune.
Irmler: Keine gute Laune geht ja noch.
Gut: Ich bin kein Angsttyp. Ich hab schon soviel erlebt in meinem Leben, auch Armut. Anfang der 80er war es teilweise echt schlimm. Ich war mal in New York ohne einen Pfennig, glücklicherweise gab mir ein Freund ein paar Donuts aus. Irgendwie geht es immer. Insofern habe ich keine Angst, aber schlechte Laune kriege ich. Wenn ich kein Spielgeld mehr habe, dann kann ich nur schlecht agieren.
Irmler: Das ist das Schlimmste . Das ist das einzige Kriterium, das gilt. Ich kann nur sagen: Arm gelebt habe ich immer mal wieder und das geht auch. Wenn man nur Bachkresse mti Magerine brät zum Essen, das ist auch was. Aber wenn es darum geht, dass du gerne etwas realieren würdest, du es aber nicht kannst, da du dir nicht mal vorstellen kannst, wie du mit der Bahn nach was weiß ich was fahren kannst, dann ist das sehr lähmend.
Gut: Es ist nicht Angst. Es ist Zorn. Du machst dich noch kleiner als du eh schon bist und gerätst in eine totale Blokade. Angst ist es aber nicht, nur echt schlechte Laune.
Irmler: Angst darf man als Künstler nicht haben. Wer wie wir auf eine Bühne gehen muss und dort jedes mal aufs Neue alles riskiert, der darf Lampefieber haben, aber keine Angst. Wir sind harte Sachen gewöhnt im Leben.

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