Montag, 16.10.2017
Janet Jackson

Dear

JanetJackson

Eine gefühlte Dekade hat Jan Lankisch (Tomlab, Edition Fieber, Weekend-Festival) an “Dear Janet” gearbeitet, seiner letztlich siebzehn Songs (einige weitere schlummern noch im Archiv) umfassenden Liebeserklärung an die Musikerin. Nun endlich erscheint “Dear Janet” (Tinangel Records), perfekt getimet parallel zum neuen Janet Jackson Album “Unbreakable”.

Für Kaput erzählt Lankisch die Geschichte hinter jeder Coverversion – und bespricht zudem das neue Janet Jackson Album.

 

 

 

 

 

Deradoorian “The Pleasure Principle”
“Die Idee zum Sampler entstand 2008 bei den Dirty Projectors zuhause in Brooklyn . Also war klar, dass der Song von Angel Deradoorian die Compilation eröffnen musste. Ich liebe es, wie sie es geschafft hat, den repetitiven Groove des Originals in einen wunderbar-sparsamen und gespenstigen Song zu verwandeln.”

Karl Blau “Rock With U”
“Gleich bei meinem ersten Zusammentreffen mit Karl Blau wollte ich ihn für die Compilation gewinnen. Er erinnert mich an den frühen, experimentierfreudigen Beck, und seine Stimme ist wirklich eine meiner liebsten. Ich wollte White Soul – und ich bekam White Soul. Karl war einer der wenigen Künstler, der bis zur Anfrage keinen Berührungspunkt mit Janet hatte. Das Saxophon auf seiner Version ist unglaublich.”

Dreaming and Delicious “All for you”
“Mein Freund Nicholas Krgovich erzählte mir von den beiden Schwestern Martha und Hazel Brown aus Melbourne, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Da sie auf R’n`B stehen, war es keine Frage, ob sie zusagen würden. Ein tolles Stück haben sie daraus gemacht. Martha startet gerade auch mit ihrem Solo-Projekt “Banoffee” durch.”

Nicholas Krgovich “He Doesn’t Know I’m Alive”
“Nick ist ein alter sehr guter Freund von mir und war auch einer der ersten, denen ich von der Compilation erzählt habe. Er singt auf vielen seiner R’n`B-Songs sehr hoch – dementsprechend überrascht war ich von dieser tollen tiefstimmigen, homoerotischen Liebeserklärung: Chris Rea und Leonard Cohen treffen sich auf dem Beat von Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“.”

Naytronix (w/ Tune-Yards) “What Have You Done For Me Lately”
“Ich nutze eine von mir veranstaltete Tune-Yards Show in Köln, um Nate und Merrill anzufragen. Sie brauchten nach der Tour gerade mal eine Woche für die Coverversion. Es ist spannend zu hören, was sie aus dem Song gemacht haben.”

Albert McCould (w/ Sean Wood) “Black Cat”
“Über einen gemeinsamen Freund von Angel Deradoorian lernte ich Elizabeth Wood kennen. Ihre Stimme ist so wundervoll. Ihr ist es ebenfalls gelungen, etwas absolut gegensätzliches aus dem Original zu machen und dafür danke ich ihr sehr. Sie hat noch ein paar großartige, unveröffentlichte Coverversionen im Archiv. Wenn ihr sie trefft, nutzt die Chance und bitte sie euch diese vorzuspielen.”

Lake “Escapade”
“Ich hatte lange keine „Band“-Songs im Repertoire, also fragte ich K-Records Band Lake nach einer von mir veranstalteten Show ganz gezielt an, da ich sie für sehr passend hielt – und das Ergebnis spricht für sich. “Escapade” war und ist mein Lieblingsong auf „Rhythm Nation 1814“ von Janet Jackson, dem Album mit dem ich sie Entdeckt habe.”

Batsch “Together Again”
“Ich lernte Batsch über Nick Krgovich kennen, der mit ihnen auf Tour war. Sie lieferten neben Lake die zweite tolle Gitarre-Bass-Schlagzeug-Version ab. Ich muss bei ihrem “Together Again” immer an New Order denken.”

Scout Niblett “Nasty”
“Ich bin seit Jahren ein großer Fan der Musik von Scout Niblett und habe mich riesig gefreut, als Emma zusagte. Sie wollte unbedingt “Nasty” covern, was im fortgeschrittenen Stadium des Projekts merkwürdigerweise noch niemand ausgewählt hatte. Ich war total überrascht von dieser ravey Version. Großartig!
Durch die Verzögerung des Veröffentlichung der Compilation erschien der Track schon 2013 als Single-B-Seite bei Drag City und ist deshalb nur auf der Vinylversion von “Dear Janet” enthalten und digital via Drag City zu bekommen.”

The Harpoons “Let’s Wait A While”
“Es ist lustig im nachhinein zu erkennen, wie bei dem Projekt eins zum anderen kam. Ich kenne die Harpoons nicht persönlich, aber Martha und Hazel von Dreaming and Delicious haben mir von ihnen erzählt, also fragte ich sie an – und nun freue ich mich sehr über ihre Coverversion.”

Dream Tiger “Control”
“Liz ist mit Josiah Wolf von WHY? verheiratet. Ich habe sie auf einer gemeinsamen Show der beiden kennengelernt. Ich glaube ja, dass Yoni Wolf das Stück mitproduziert hat. Wie auch immer, es ist jedenfalls super deep geworden, ich mag es unheimlich gerne.”

Woom “Rhythm Nation”
“Am Tag nachdem ich mit den Dirty Projectors die Idee zur Compilation hatte, kochte ich für Woom indisch – nach dem Essen waren sie dabei.”

The Rests (w/ Carolyn Pennypacker Riggs) “Someone To Call My Lover”
“Aaron Olson spielte mehrmals und mit verschiedenen Bands im Kölner King Georg. Er erzählte mir von seiner Idee, eine Art Burt Bacharach Version zu machen, bei der sich alles um den verführerischen Chorus dreht. I loved it! Auch super ist übrigens Aaron neues Projekt L.A. Takedown.”

The Present “If”
“Mein Freund Rusty Santos war auch schon früh mit an Board. Er und seine Freundin machen gemeinsam als The Present Musik. Zunächst haben sie eine Version von „Miss You Much“ aufgenommen, die auch sehr toll geworden ist, aber nachdem das Projekt on hold blieb für zwei Jahre sagte er mir, als ich ihn nach dem Master fragte, „Oh, wir haben noch ein besseres Cover gemacht. Hier ist unsere Version von „If“. In der Tat: großartig.”

High Places “That’s The Way Love Goes”
“Das Original ist mein allerliebstes Stück von Janet. Es kam zu einer Zeit heraus in der ich hauptsächlich Nirvana und Sonic Youth hörte – und trotzdem hatte es eine starke Wirkung auf mich. Ich konnte zu Beginn mit dem Cover nicht direkt warm werden, da es alles raus genommen hat, was ich am Original so liebe. Die drei Jahre Wartepause nach dem ersten Abschluss dieses Projekts 2012 haben mir jedoch den Zugang ermöglicht, mittlerweile liebe ich es. Sie haben alles richtig gemacht und das Stück komplett umgekrempelt. Ich danke Ihnen dafür.”

Katie Eastburn “When I Think Of You”
“Auch mit diesem Cover kam ich zu Beginn nicht ganz klar. Ich fand es erst viel zu schräg und war irritiert. Katie ist es mit ihrer Kreation gelungen, etwas eigenständiges zu entwickeln. Ich mag den Lo-Fi-Charme der Aufnahme sehr, er bietet einen guten Kontrast zu vielen anderen der Songs auf der Compilation.”

Marker Starling “Young Love”
“Dies ist so ein schöner Closing-Track. Mein Freund Chris Cummings hat dieses Stück erst vor zwei Wochen fertiggestellt. Es war der letzte Beitrg für diese Compilation. Ich freue mich sehr, dass er ein Stück aus Janet’s erstem Album gewählt hat. Kein anderer der beteiligten Künstler hatte dies zuvor getan. „Young Love“ war Janets erste Single 1982. Es ist schön, dass dieses Projekt aufhört wie es angefangen hat – mit einem spartanischen, unaufgeregten aber sehr tiefgündigen Interpretation. Eine wunderschöne White-Soul-Version dieses Teenager-Liebeslieds. Danke dir, Chris!”

 

 

Janet Jackson “Unbreakable” (Sony)
Der plötzliche Tod Ihres Bruders Michael war sicherlich ein großes Hindernis für Janet, sich an neues Material ran zu wagen, aber auch der kommerzielle Flop Ihres letzten Albums „Discipline“ aus dem Jahr 2008 dürfte die Herausforderung groß gemacht haben. „Discipline“ war wirklich kein schlechtes Album. Im Gegenteil. Es war ein stilistischer Bruch mit dem poshen Image, das sie sich in den Jahren davor zugelegt hatte. „Discipline“ sollte eine Art Neustart werden. Nach den vier großen und erfolgreichen Platten „Control“ (1986), „Rhythm Nation 1814“ (1989), „Janet“ (1993) und „Velvet Rope“ (1997) schlitterte Janet in der Folge einigermaßen unbeachtet durch die Nullerjahre. Kleine Lichtblicke gab es es auf sehr durchwachsenen Platten 2001 mit Songs wie „Someone To Call My Lover“ und „All For You“.

„Discipline“ – ein Kaltstart. Die erste Single „Feedback“ war zwar überaus catchy, aber leider sehr ungelenkig und auch einfach zu bratzig. Es gab aber wirklich tolle Songs auf dieser Platte wie zum Beispiel die beiden Uptempo Songs „Luv“ und „Rollercoaster“ oder das housige „Rock With U“. Der Versuch sich mit einem Daft Punk Sample („So Much Betta“) ein neues, jüngeres Publikum zu erschließen, gelang ihrem Produzenten Jermaine Dupri jedoch auch nicht.

Nun also ein weiterer Neustart. Sicherlich kein leichtes Unterfangen. Janet, inzwischen 49 Jahre alt, setzte hierfür Dupri vor die Tür, blieb aber ihren Masterminds Jimmy Jam and Terry Lewis treu, die ihr über so viele Jahr wunderbare Pophits bescherten. Anders als ihr Bruder Michael begeht sie nicht den Fehler, sich auf dem Höhepunkt der Karriere nach anderen Produzenten umzuschauen. Jam & Lewis waren verantwortlich für ihren starken Imagewechsel, der sie 1986 über Nacht vom pausbäckigen Nesthäkchen des von Männern dominierten Jackson Clans zu einer starken, erwachsenen Frau mit eigener Stimme hat wachsen lassen.

Die erste Single „No Sleep“, welche bereits im Juni diesen Jahres veröffentlicht wurde, steigerte die Erwartung an „Unbreakable“. Wie würde sie sich nach siebenjähriger Ruhepause präsentieren? Sieben Jahre sind eine verdammt lange Zeit und man gerät schnell in Vergessenheit im Jugendwahn der R’n`B Welt.

Das dem Album den Titel schenkende erste Song ist schonmal ein guter Anfang. Er klingt nach der Janet der 90er Jahre – aber in gut, also smoother HipHop-Beat statt Sirenenalarm: „The world can’t break down the connection cause our love is divine and it’s unbreakable“. Die Angst, dass alles schief gehen würde, ist damit schon mal passe. Als nächstes folgt „Burnitup“, bei dem ich zuerst an „Feedback“ denke, was den Aufbau des Stücks angeht. Doch dann ertönt zu meiner Freude die vertraute Stimme von Missy Elliott! Sie hatte sich ja zuletzt sehr rar gemacht Die Freude lässt jedoch leider wieder schnell nach. Das Stück ist sehr flach und und lebt einzig und allein von Missys shoutigen Parts. Nach drei weiteren, eher belanglosen Fillern ist die Hoffnung auf eine durchgehend gute Platte erst einmal verloren.

Doch dann passiert etwas unerwartes und großartiges. Die Ballade „After You Fall“ öffnet in ihrer Reduziertheit und Eindringlichkeit eine Tür, der sich Janet in der Vergangenheit nur selten genähert hat. Was sich dahinter befindet, liegt ihr aber sehr. Ich will mehr davon.

Es folgen weitere gute Songs wie „Broken Hearts Heal“, „Lessons Learned“ „Black Eagle“ sowie der zweite Slow Jam, „Promise“, im elegantem Bossabeat und unerklärlicherweise nur 58 Sekunden lang – aber leider auch viele unerträgliche Songs ohne Sense of Direction. In jedem Stück passiert etwas völlig anderes als im Stück davor. Janet selbst wirkt an vielen Stellen leider sehr bemüht. Man merkt, dass sie zeigen will, dass sie alles kann. Dadurch leidet die Fokkusierung auf die eigene Stärke.

Warum 19 Stücke? Klar, ihr Meisterwerk „Rhythm Nation“ hatte auch 20, aber es war geschmückt mit cleveren, kurzen Interludes, die oft nur 5 Sekunden lang waren. Auf “Unbreakable” ist definitiv zu viel Material angehäuft. In Zeiten, in denen Musik größtenteils über Strealing verbreitet wird, besteht anscheinend kein wirkliches Bewusstsein mehr für das Albumformat. Nur so kann ich mir diese 19 Songs unterschiedlicher stilistischer Herkunft erklären, eben nach dem Motto, “der Fan kann sich sein Album ja selbst zusammenstellen.” Denkt man so, können gerne auch sieben oder acht Songs rausfallen. Geht man in der Tat so vor, dann ist „Unbreakable“ ein gutes Album. Ich erfreue mich jedenfalls an den paar Highlights und ziehe sie in meine Playlist rüber.

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