Dienstag, 17.10.2017
Kamasi Washington

„ICH VERSUCHE DER BLUME IHRE BLÜTE ZU SCHENKEN.“

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Kamasi Washington (Photo: Thomas Venker)

Das Dreifach-Album ist ein seltenes Biest. Sogar Prince musste bis zur späten Mitte seiner Karriere warten, bevor er sein Label mit einem überfallen konnte. Der aus Los Angeles stammende Kamasi Washington hingegen klagte dieses Recht bereits für sein Debütalbum „The Epic“  bei seinem Label Brainfeeder erfolgreich ein. Nach Kollaborationen mit Flying Lotus (auf „You’re Dead) und Kendrick Lamar (auf „To Pimp a Butterfly“) spaziert Washington nun mit “The Epic” auf dem Boden, den Sun Ra, John Coltrane und Pharoah Sanders vorbereitet haben. 

Wir trafen Kamasi vor seinem Kölner Konzert im Club Bahnhof Ehrenfeld, bei dem die achtköpfige Band, die aus Tony Austin und Ronald Bruner Jr. am Schlagzeug, Brandon Coleman am Keyboard, Miles Mosley am Kontrabass, Patrice Quinn als Sänger, Ryan Porter an der Trompete – und natürliche Kamasi Washington selber am Tenorsaxophon und sein Vater Rickey Washington an Flöte und Saxophon bestand, sich und die Zuschauer in die Transzendenz hinein spielte. Jeder einzelne der Musiker agierte auf seinem Terrain super talentiert und trotzdem waren alle in der Lage zurückzutreten und sich dem Kollektiv unterzuordnen, wenn dies gefragt war. Das zweistündige Konzert bewies, was viele Leute heutzutage leugnen: Musik ist mehr als alles andere die Tür zu einer besseren Welt.

Kamasi, dein Freund Thundercat (Stephen Bruner) hat heute morgen, als Reaktion auf die schrecklichen Attacken, die vor vier Tagen in Paris passiert sind, zusammen mit Mono/Poly den Tribute Song „Paris“ veröffentlich.
Das habe ich mitbekommen. Er war in der Nähe des Clubs als es passiert ist, er war nur ein paar Straßen entfernt.

Ich mag seine Idee mit einem Lied zu reagieren und dadurch zu zeigen, wie die spirituelle Fähigkeit der Musik Menschen vereinen kann.
Yeah.

Ihr solltet letzten Sonntag im Rahmen der Red Bull Music Academy in Paris spielen, zwei Tage nach den Angriffen also. Fiel es dir schwer, die Show abzusagen?
Ja, aber es erschien uns respektlos den Leuten gegenüber, wenn wir die Show gespielt hätten. Der Club, in dem wir spielen sollten, befand sich zudem im gleichen Komplex wie das Bataclan.

Kamasi, du bist mit deiner Band ja permanent unterwegs. Fühlt sich das für dich wie eine Familie an?
Unbedingt. Wir waren Freunde bevor wir zusammen Musik gemacht haben. Ich lernte Brandon Coleman zehn Jahre bevor er anfing Klavier zu spielen kennen. Wir waren alle schon als Kinder befreundet, das verbindet uns neben der Musik.

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Wie würdest du deine Rolle in dieser Konstellation beschreiben? Bist du der Bandleader?
Manchmal bin ich der Bandleader, manchmal ist es Brandon, und manchmal Miles Mosley. Der Bandleader wechselt in einem fortlaufenden Prozess. Das ist ganz normal für uns. Für uns alle zählt nur die Musik. Ich sag ihnen nicht, was sie zu tun haben, die Musik zeigt den Weg.

Was du gerade beschrieben hast, ist eine wunderschöne Definition einer sozialen Gruppe. Es geht um eine anhaltende Veränderung, ein Gleichgewicht aus Führen und Folgen.
Ja. Es geht ums Teilen. Die Menschen haben diese irrationale Angst davor etwas zu verlieren – das heißt, dass am Ende immer einer alles an sich reißt. Man braucht nicht alles, es gibt mehr als genug für jeden. Ich spiele gerne Brandon’s Musik, und ich spiele gerne die von Miles und auch die von allen anderen. Wenn sie dran sind zu spielen, freue ich mich. Mir nimmt dadurch keiner was weg. Ich habe nicht dieses irrationalen Gedanken: „Oh, ich muss vorne sein, sonst verliere ich etwas. Ich stelle mich vorne hin, ich stelle mich an die Seite, ich stelle mich in den Hintergrund. Alles sind unterschiedliche Erfahrungen.

Inwieweit unterscheiden sich denn die Musiker deiner Band – und was vereint sie? 

Wie gehst du an Musik heran? Kommst du von einer Klangfarbe, einem Gefühl, einem Rhythmus aus?
Musik machen ist wie eine Unterhaltung, eine Diskussion. Ich hab keine außersinnlichen Erfahrungen mit Musik, ich sehe keine Farben, ich schmecke nichts. Es ist eher so, dass ich sagen kann, wie Ryan Porter heute drauf ist, wenn ich ihn spielen höre. Wenn er spielt, erzählt er mir was in seinem Leben los ist. Und dann lässt Ronald Bruner Jr. etwas von seinen Problemen in sein Schlagzeugspiel einfließen, und so weiter.

Ihr befindet euch also in einem kontinuierlichen Prozess der Improvisation? 

Wie lässt sich dieser musikalische Prozess, den du gerade beschrieben hast, im Studio umsetzen?
Wenn wir aufnehmen, versuche ich die Vision für den Song, die Energie, die Richtung zu setzen. Auf der Bühne gilt es, das Gefühl, das ich beim Schreiben des Songs hatte, einzufangen – aber manchmal spielt jemand etwas so, dass es die Musik in eine andere Richtung führt. Live spielen ist freier Fall, wir könnten eine Ballade sehr schnell spielen, oder einen schnellen Song als eine Ballade. Wir könnten einen Song mit Lyrics als Instrumental spielen oder Lyrics für einen Instrumentalsong erfinden. Alles ist offen. Es ist so wie es ist und das ist das Schöne an Musik: nichts ist vorhersehbar.

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Kamasi Washington (Photo: Thomas Venker)

Ist die Arbeit innerhalb eines Kollektivs eine größere Herausforderung für dich, als wenn du alleine spielen würdest?
Durch ein Kollektiv ist man selbstsicherer – die kommen mit mir mit, egal in welche Richtung ich mich bewege. Wenn ich mit anderen Musikern spiele und wir einen Song spielen, in dem ich ein Calypso Motiv höre, kann ich da nicht hingehen, weil ich nicht weiß, ob sie das Calypso Element auch hören…aber wenn ich sie kenne und weiß, dass sie es hören, dann kann ich das tun. Aus unserer gemeinsamen Erfahrung miteinander weiß ich, dass ich überall hin kann, wo ich hin will. Das müssen wir nicht vorher entscheiden.

Dein Album ist überaus erfolgreich. Was mit sich bringt, dass wieder mehr Leute über Jazz sprechen. Doch welcher Jazz ist eigentlich gemeint?
Wenn du Musik machst, weißt du nie, wie die Leute darauf reagieren und darüber reden. Ich lebe in Los Angeles, einer sehr großen Stadt, man kann zwei Stunden Auto fahren, ohne Verkehr, und wäre immer noch in LA. Das bedeutet, dass es sehr viele verschiedene Menschen gibt, jede Art von Menschen, die du dir vorstellen kannst, verschiedene Kulturen. Die Gruppe, mit der ich zusammenarbeite, die Musik, die wir machen, dass ist Jazz. Aber das Wort Jazz ist nur ein Wort, man könnte es auch anders nennen…wie auch immer du willst. Wir sind mit unserer Musik an sehr vielen verschiedenen Orten aufgetreten und haben niemals negative Reaktionen bekommen. Nicht mal an Orten, wo niemand Jazz hört. Das Ding an LA ist: alle Musiker kennen sich, egal welchen Stil sie spielen. Ich kenne viele Rockmusiker, viele HipHop DJs, eine Menge Gospel- und Funkmusiker. Das heißt, dass wir in vielen Clubs spielen, in denen normalerweise keine Jazz-Acts spielen, mit Bühnen, die so klein sind, dass wir sehr eng zusammengepfercht darauf stehen, weil dort sonst nur DJs auftreten. Am Anfang hat uns das Publikum in einem solchen Umfeld angeschaut und gedacht: „Was soll das? Ich bin hierher gekommen, um einen DJ zu hören und jetzt spielt da diese Band mit Kontrabass, Saxophonen und Trompeten…?“ Und dann spielen wir unsere Musik und am Ende des Sets sagen sie: „Ich liebe das! Was ist das?“
Ich war mir immer bewusst, dass meine Musik das Potential hat Leute, die sich selber nicht als Jazz Fans sehen, einzufangen. Aber Leute, die behaupten, dass sie Jazz nicht mögen, haben in der Regel noch nie Jazz angehört – das ist meine Erfahrung.

In Europa verstehen viele Leute Jazz fälschlicherweise als intellektuelle Musik. Das ist eine seltsame Schlussfolgerung. Natürlich kann man einen sehr intellektuellen Zugang zu Jazzmusik haben, aber den kann man auch zu Post-Rock oder Minimal Techno haben… aber auf der anderen Seite ist Jazz genauso texturiert, warm und umarmend wie, zum Beispiel, Soul oder andere Genres, die nicht als „intellektuell“ angesehen werden.
Jede Musikart kann auf seine Art und Weise intellektuell sein. In den USA wird Jazz als „alte Musik“ angesehen, es geht um die Dinge, die vor über 50 Jahren passiert sind, nicht darüber was heute passiert ist. Es ist keine aktuelle Sache. Und das stimmt nicht. Jazz ist nicht „älter“ als Rock’n’Roll. Das ist eine reine Wahrnehmungssache. Wie auch immer, wenn wir spielen, fühlte ich, wie sehr die Leute es lieben – und zwar weil so viel Persönlichkeit in der Musik steckt. Wir führen diese Unterhaltung, zu der die Leute eine Verbindung aufbauen können. Als ich das Album herausgebracht habe, wusste ich nicht, ob es sich jemand anhören würde. Vielleicht würden sie es sich anschauen, und es dafür sehen, was es ist: ein Jazz-Album mit einem Haufen Instrumente drauf und sagen: „Das höre ich mir nicht an!“ Aber ich war mir sicher, dass sie es mögen würden, wenn sie es sich anhören.

Mit dem Albumtitel “The Epic” zeigst du ja, wie bewusst du dir der einnehmenden und verbindenden Magie deiner Musik bewusst bist. 

Siehst du die Musik, die du machst als eine Weiterführung des Jazz wie er von Leuten wie Sun Ra, John Coltrane und Pharoah Sanders erdacht wurde?
Alles was Menschen tun, ist eine Weiterführung dessen, was Leute vor ihnen getan haben. Auch wenn man sich von allem abwendet heißt das ja, dass du dich von etwas abwendest. Es ist immer eine Weiterführung. Bevor ich eine Band hatte, musste etwas da sein, dass zu einer Band führte. Die meisten von uns sind Musiker in der zweiten Generation, das heißt, dass wir mit Musik um uns herum aufgewachsen sind. Sie ist ein Teil von uns. Wir haben sie in unsere Persönlichkeit eingebaut, deshalb haben wir unseren eigenen Stil, unsere eigene Musik, die wir spielen. Wir versuchen als wir zu spielen – und das beinhaltet die Leute, denen wir zugehört haben. Das heißt, es ist beides: Ich versuche nicht so zu klingen wie John Coltrane. Aber ich versuche auch nicht, nicht so zu klingen wie John Coltrane. Ich versuche so wie ich zu klingen.
Wer bin ich? Ich habe Busta Rhymes, Dr. Dre, Ravel, Tchaikovsky gehört. Was ich bin wurde von sehr viel verschiedenen Arten von Musik beeinflusst. Es geht darum auszudrücken, was in mir ist, und das herauszubekommen. Die Musik ist nur ein Ausdruck, ein Kommunikationsmittel. Ich versuche nicht irgendetwas zu tun. Ich versuche der Blume ihre Blüte zu schenken.

Wie war die Zusammenarbeit mit Snoop Dogg und Kendrick Lamar?

Stimmt die Geschichte, dass Leute zu dir gesagt haben, dass du ‚nicht zu musikalisch spielen‘ sollst? Wer macht sowas?!
Viele Leute. Ich verstehe, was sie damit meinen.

Naja, ich denke mal, dass das aus der selben Sichtweise kommt, als wenn Leute sagen: „Jazz ist intellektuell“. Die haben eine bestimmt Befürchtung oder Angst.
Ja. Wir sind intellektuelle, emotionale menschliche Wesen. Die Idee, dass die Menschen etwas nicht mögen, weil es nicht einfach ist…viele großartige Musik ist gleichzeitig schwierig und nicht schwierig. Ein Regenbogen hat all diese Farben – er ist schwierig zu beschreiben, aber sehr einfach zu sehen. Jede Musik ist schwierig zu spielen, auch wenn es nicht so klingt… Es ist nicht schwer wie James Brown zu spielen: dum dum dum, immer wieder. Aber es ist trotzdem sehr schwer es so zu spielen, wie er das tut. Nur sehr wenige Menschen könnten es genau so spielen. Jazz ist auf eine andere Art und Weise schwierig, aber gleichzeitig ist es nicht schwierig – du könntest es dir anhören. So viel ich auch über Musik weiß, wenn ich John Coltrane anhöre, weiß ich nicht, was er macht. Ich höre es mir einfach an und genieße es für das, was es ist und analysiere nicht welche Harmonien er spielt oder wie es mit ‚x‘ verwandt ist…ich genieße es einfach und lasse es in die Luft verschwinden.

Manche Dinge kann man leider nicht so einfach verschwinden lassen. Kamasi, wenn wir über deine Musik sprechen, dann müssen wir auch über Politik sprechen. 

Kamasi, wenn man sich die Beschreibung deiner tagtäglichen Erfahrungen als afroamerikanische Person in den USA anhört, lässt einen das natürlich über die Vorgänge, die wir gerade hier in Europa durchmachen, nachdenken. Verstärkt durch die Asyldebatte und auch durch die tragischen Attacken in Paris sind wir aktuell Zeugen regressiver Tendenzen der Abspaltung sozialer Gruppen.
Es war immer da. In den 30ern und 40ern war diese Einstellung im Mittelpunkt, sie lebten sozusagen im Licht. Jeder wusste, was die dachten. Sie haben es nicht versteckt, haben sich nicht dafür geschämt, dass sie so fühlten. Sie haben offen darüber geredet und danach gehandelt. In den 50ern, 60ern und 70ern gab es einen Widerstand vom Rest der Gesellschaft, denen, die nicht so gedacht haben, die nicht diese Gefühle hatten. Also haben diese Leute gegen die Anderen gekämpft und versucht sie los zu werden. Aber im Schatten gab es das immer noch. Jetzt gibt es jemand mit einer Kamera in diese, Schatten, der alles beleuchtet und wir müssen uns auf ein Neues damit auseinandersetzen. Es ist die Verantwortung von uns, die nicht diesen Glauben haben, aufzustehen und Widerstand zu leisten. Es ist eine Schande, dass die Leute nicht begreifen, dass Gewalt und Hass keine Antwort sind. Wenn man sich darauf bezieht, dann verliert man so oder so: entweder verliert man seinen Körper, oder man verliert seine Seele. Es hängt davon ab, auf welcher Seite der Pistole man steht.

Kamasi, ich würde sehr gerne noch länger mit dir reden, aber ich glaube, dass dein Soundcheck dich braucht. Es war mir ein großes Vergnügen.
Man, the same here.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Denise Oemcke.

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