Samstag, 19.08.2017
Nicole Wegner “Parallel Planes”

“Ich möchte Menschen motivieren selber etwas in die Hand zu nehmen.”

Man kennt die Kölnerin Nicole Wegner bislang primär als Mitbetreiberin der Baustelle Kalk und unserer Köln-ist-Kaput-Heimat Gold + Beton. Wer allerdings mit etwas feineren Antennen durch die Nächte zieht, der sollte auch vernommen haben, dass der Videoclip zu “Broke Vultures”, dem Smash-Hit von Camp Inc und Buffiman, von Meryem Erkus und ihr stammt. Bei genauerem Hinsehen merkt man schnell, dass Wegner kein One-Shot-Wonder ist, sondern schon länger Filmemacherin als DIY-Veranstalterin – und eine ziemlich ambitionierte, wie ihre Musikdokumentation “Parallel Planes” zeigt, für die sie zwölf amerikanischen Musiker_innen getroffen hat: Michael Gira (Swans), Mick Barr (Orthrelm, Ocrilim, Octis), Justin Pearson (The Locust, Swing Kids, All Leather), Ian MacKaye (Minor Threat, Fugazi), Valentine Falcon (Get Hustle), Jamie Stewart (Xiu Xiu), Anna Barie (These Are Powers), Weasel Walter (Flying Luttenbachers, Cellular Chaos), Jenny Hoyston (Erase Errata), Alap Momin (Dälek), Greg Saunier (Deerhoof) und Otto von Schirach.

Für Kaput hat Nicole Wegner einen Mix aus den Songs vom Soundtrack produziert.

Nicole, wie entstand denn die Idee zu „Parallel Planes“?
Nicole Wegner: Ich begann mit der Planung vor sechs Jahren als Diplomprojekt an der KHM. Nach den Dreharbeiten, für die ich meine Protagonisten alle getroffen, interviewt und und bei ihren Proben und Shows begleitet habe, verspürte ich den Drang auch selber Konzerte zu veranstalten und die Musik, die ich als unterpräsentiert und interessant empfand, zu unterstützen. Dabei traf ich auf Meryem Erkus – und unsere Visionen aufeinander. Es war großes Glück, dass wir gefunden haben und uns in unserer Verrücktheit und Angstfreiheit ineinander verliebten.
Ohne die Inspiration durch all meiner Protagonisten hätte ich nie den Mut aufgebracht, Projekte zu realisieren. Insofern ist die Produktion meines Films indirekt verknüpft mit meiner Arbeit in der Baustelle Kalk, im Gold + Beton und auch den daraus hervorgegangenen Veranstaltungen, die Meryem und ich im Stadtgarten durchführen.
Ich habe vor „Parallel Planes“ nie einen Dokumentarfilm gemacht, sondern mich eher im Animationsfilm ausgetobt und Musikvideos produziert, wobei ich immer weitestgehend alleine arbeite und Regie führe, Kamera mache, schneide und animiere und nur beim Sound und der Musik immer nach Kollaborateuren suche. Ein musikdokumentarisches Projekt war dann einfach an der Zeit, zumal ich einfach immer wieder entäuscht wurde von der Ideenlosigkeit, Eintönigkeit und Konventionalität der meisten Musikdokumentation.

Wie bist du an das Thema herangegangen?
Mir war es wichtig, einen Film zu machen, der Menschen generell interessieren könnte und nicht nur die Musikkenner und Nerds, die sich eh schon sehr viel mit Musik befassen. Und ich wollte Menschen eine Möglichkeit geben in verschiedene Stile reinzuhören, mit denen sie noch keine Berührungspunkte hatten.
Ich wollte einen Film machen, der darauf eingeht, dass es Menschen gibt, die einfach diese innnere Notwendigkeit spüren, Musik zu machen, ohne dabei an Vermarktung und Zielgruppenorientierung zu denken und nicht mit den üblichen Mitteln der Industrie zu arbeiten. Ich finde nichts ist ferner der Musik als die Musikindustrie – und auch der Kunst ist nichts ferner als der Kunstmarkt. Ian MacKaye hat es in seinem Interview so schön auf den Punkt gebracht: “Music has been a central part of life since the beginning. And somehow it has been confined to be this very weird little entertainment device.”
Warum wollen sich Menschen mit Musik oder anderen Kunstformen ausdrücken?
Warum finden sie eine eigene Sprache um ihre Sicht auf die Welt zu formulieren?
Was haben sie uns dabei zu sagen?
Und warum sollten wir ihnen eher zuhören als Politikern?
Diese Dinge wollte ich fragen und Antworten finden.

Wie hast du die zwölf Protagonisten ausgewählt?
Ich habe eine Liste aller Musiker erstellt, die mich künstlerisch interesssieren würden und bei denen ich das Gefühl hatte, sie könnten mir etwas Allgemeingültigeres erzählen als einfach nur über ihre Musik zu sprechen.
Ich bemerkte dann schnell, dass mein Hauptfokus in den USA liegt, da der typische amerikanische DIY-Spirit einfach soviele musikalische Ungetüme hervorgeracht hat, die ich persönlich bermerkenswert finde.
Es ging schnell und war einfach mit allen per Email in Kontakt zu treten und Ihnen von meiner Idee zu erzählen. Drei Monate später saß ich dann schon mit meinen beiden Freunden und Kollegen Marcus Zilz und Mark Kempken im Flugzeug und traf alle zu Hause, oder im Studio, Büroraum, Garten oder Backstage, um mit ihnen sehr lange Interviews zu führen. Das Drehbuch entstand dann im Schnittraum. Leider hat die Produktion und Postproduktion sehr lange gebraucht, was daran liegt, dass ich mehre Versionen ausprobiert habe. Mit der Hilfe eines Freundes als dramaturgischer Berater gelang dann nach drei Jahren endlich der finale Schnitt.Das Lizensieren von 43 Songs hat dann nochmal fast zwei Jahre gedauert.

Das klingt alles nach sehr viel Arbeit, die an dir hing.
Das liegt an meiner Arbeitsweise: Ich arbeite gerne im kleinen Team und lieber mit Freunden und Autoditakten als mit Profis, da ich selber auch Autoditakt bin und darin eine größere kreativere Stärke sehe als in dem 100%-ig gelerntem Handwerk – Marcus Zilz (der als Jeandado auf Baumusik veröffentlicht) war zuständig für die Soundaufnahme und das Mastering, und Mark Kempken (aka Igor Acid Amore von Baumusik und HGichT) war der Kameramann. Wir sind alle drei auf unsere Weise Nerds und teilen unseren humorvollen Blick auf die Welt, welcher im Film spürbar ist.

Nun erscheint dein Film quasi parallel zum Amtsantritt von Donald Trump – purer Zufall oder inhaltlich bewusst und stimmig?
Hahahaaaa, absoluter Zufall. Das konnte ich ja vor sechs Jahren nicht ahnen.

“Parallel Planes” ist als “Essay über freies Denken” angekündigt – was genau hat man sich denn darunter vorzustellen? Kannst du uns Beispiele für besonderes freie künstlerische Positionen nennen, die im Film vorkommen?
Da muss ich nochmal auf Ian Mackaye zurückkommen, der ja mit Dischord Records das Paradebeispiel gibt dafür, wie man ein Label führen kann und mit seinens Bands (unter anderem Fugazi) aktiv sein kann und dabei die musikindustrietypischen Wege in Frage stellt und bewusst ignoriert, um dann eigene Regeln für sich aufzustellen. Fugazi hat sich komplett ohne Booker auf Tour begeben und selber die Ticketpreise, Venues und die Art der Präsentation ihrer Band in der Öffentlichkeit bestimmt. Er erzählt im Film, wie er dazu gekommen ist. Es begann damit, dass er anfing zu Skateboarden. Als Skateborader bemerkt man ziemlich schnell, dass du die Welt um dich herum neu sehen kannst. Als Skateborader sind die Bürgersteige nicht nur zum gehen da, Straßen nicht nur für die Autofahrer. Du erkundest mit deinem Board die Welt und befährst sie mit deinen Regeln. Das ist eine schöne Metapher für vieles im Leben und für Ian war es der Beginn seiner kritischen Natur. Köpfe und Rolemodels wie er sind wichtig für unsere Gesellschaft. Ich konnte sehr gut seine Worte und Ideen auf meine Welt projizieren und somit wiederum eigene Gedanken dazu entwickeln. Das wünsche ich mir auch für die Zuschauer, die „Parallel Planes „sehen. Ich möchte kein nostalgisches Licht auf Bands oder Musikbewegungen der Vergangenheit werfen. Ich möchte aufrufen, gute Ideen weiterzuentwickeln und jeder kann etwas Neues daraus spinnen. Vielleicht will man ja selber politisch aktiv werden, selber eine Band gründen, selber ein Label führen oder Schreiben oder Filme machen.
Ich möchte Menschen motivieren selber etwas in die Hand zu nehmen. Nicht nur zu reden, zu schwelgen, zu meckern oder sich unmündig zu fühlen.

Auch Alap Momin (von unter anderem Dälek) erzählt davon, wie schwierig es für ihn war, für sich herauszufinden, wie er mit den ganzen Regeln einer Szene umgehen musste. Er bewegte sich in seiner Jugend einerseits viel in der New Yorker Hardcore Szene, war aber auch heim in Dancehall und HipHop.
Die Einseitigkeit und Borniertheit der Scenesters ist für viele meiner Protagonisten ein Grund gewesen, sich abzukoppeln und selber ihren Weg zu finden. Alap zum Beispiel redet davon, wie ihm das ‘Muckertum’ wiederstrebte in seiner Generation, wo es immer wichtig war, die Band auf der Bühne zu studieren und zu zelebrieren. Er fand die Inspiration für seine Soundsystemideen in der europäischen und deutschen Musik: der Künstler selber stand nicht im Vordergrund, sondern das Publikum, das den Sound im Raum erlebt. Es herrschen in jeder kleinen Szene immer diese konservativen Elitarismen, die eher destruktiv sind, weshalb Szenen oftmal unter sich bleiben anstatt sich auszutauschen und für andere Stile und künstlerische Kommunikationsformen zu öffnen. Die Älteren haben nicht immer Recht. Jung und alt sollten sich mischen, denn beide können viel voneinander lernen.

Wie bist du an den Mix zur Dokumentation herangegangen? Sind das alles Stücke, die auch im Film vorkommen?
Der Mix besteht zu 100% aus der Filmmusik. Einige Bands habe ich ausgelassen, da viele Protagonisten mit mehrern Projekten/Bands in dem Film vertreten sind. Ich habe versucht den Mix so divers wie möglich zu gestalten. Leider fühlen sich durch die lange Produktionszeit des Film doch schon einige Bands und Sounds etwas alt an, aber die Themen des Film sind dafür absolut zeitlos.

Wo und wann kann man denn die Dokumentation in Deutschland in nächster Zeit sehen?
Ich habe gerade begonnen den Film auf Festivals zu schicken. Bis dato habe ich aber noch keine Zusage bekommen, wenn es soweit ist, werde ich die Screenings auf meiner Webseite und bei Facebook veröffentlichen. In der Zwischenzeit versuche ich einen Verleih für den Film zu finden, damit er auch ins Kino kommen kann und dann auf DVD/Blue Ray und VOD erscheinen kann.
Abseits davon plane ich schon mit einigen DIY-Promotern Screenings zu machen außerhalb des Kinos. Denn ich sehe den Film eher in einem Musikzusammenhang, also vielleicht in Konzerträumen, Off-Spaces oder Autonomen Zentren. Ich liebe das Kino, aber Filmliebhaber haben oft ein komisches Verständnis für Musik und tendenziell gar keinen Zugang zu ihr.
Leider habe ich von Festivals wie das SXSW und der Berlinale schon eine Absage bekommen, was mir auch zeigt, dass der Film ein Outsider ist, ähnlich wie auch die Bands und die Protagonisten des Films.

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