Mittwoch, 22.11.2017
"Der Nachtmahr"

Pubertäre Paranoia

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Gute deutschsprachige Horrorfilme stammen aus den 20er oder aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zwischen den Expressionisten (Murnau, Lang, Wiene) und den Individualisten (Buttgereit, Schlingensief, Storch) und auch danach scheint es nicht viel Bemerkenswertes zu geben. Erst in den letzten Jahren bringen Regisseure wie Marvin Kren oder Nikias Chryssoss wieder interessante Genrefilme raus. Mit „Der Nachtmahr“ von Akiz kommt nun der Teenie-Horror zum Zug.

Als Regisseur mit Künstlernamen aufzutreten sorgt hierzulande schon für Aufmerksamkeit. Vielleicht ist das Kalkül. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass der Filmemacher so wenig mit der hiesigen Filmlandschaft zu tun hat (oder haben will), dass er über so etwas gar nicht nachdenkt. Akiz hat in den 90er Jahren Film studiert, sein Diplomfilm wurde sogar für einen Oscar nominiert. Nachdem er ein Stipendium in Kalifornien erhielt, arbeitete er dort als Dokumentarfilmer, aber auch als Maler und Bildhauer. Seine Verbindungen reichen längst nicht nur in die Filmwelt. Während David Lynch seine Skulpuren ausstellt, präsentieren Kim Gordon und Ad Rock seine Arbeiten im MoMA, mit Philipp Virus dreht er hingegen Videos für Atari Teenage Riot.

Der_Nachtmahr_Koch_Films_03All diese Bezüge tauchen in Akiz’ erstem langen Spielfilm auf. Und doch beginnt „Der Nachtmahr“ wie ein klassischer Teenie-Slasherfilm: Mit ihren beiden besten Freundinnen lässt die 17-jährige Tina keine Party aus, vorher wird noch ordentlich was eingeworfen. Als ihr jemand bei einem illegalen Rave in einem Schwimmbad auf dem Handy ein Videos zeigt, ist sie geschockt: Ein Mädchen, das ihr verteufelt ähnlich sieht, wird frontal von einem Auto überfahren. Zuvor kreiste bereits ein Bild aus dem Biologieunterricht mit einer Missbildung in einem Formaldehydglas. Das ist zuviel: Tina verlässt die Party nachhaltig verstört. Von nun an taucht dieses Wesen immer wieder in ihren Träumen auf. Oder schleicht es tatsächlich durch ihr Zimmer und die Küche? Die Eltern schicken Tina in ihrer Hilflosigkeit zum Psychologen, doch der Alptraum ist damit nicht vorbei.

Der_Nachtmahr_Koch_Films_01Akiz’ Debüt entfaltet ein dichtes Referenzgeflecht. Das undefinierbare Wesen, dessen Modell es als Skulptur schon lange gab, bevor die Idee zum Film entstand, erinnert gleichermaßen an Eraserhead wie an E.T. Entsprechend ist „Der Nachtmahr“ dann doch kein Teenie-Horror, wie es die diversen Partyszenen mit der Blondine in düsteren Lokations suggerieren. „Der Nachtmahr“ ist ein surrealer Trip, der aber mehr mit einem psychologischen Coming of Age-Drama als mit einem Monsterfilm gemein hat. Tinas psychischer Absturz findet zwischen den Polen des großbürgerlichen Heims und den abgeranzten Raves statt, doch nirgendwo wird sie aufgefangen. Weder der wunderbar an Tinas Krise vorbeidozierende Psychologe (Alexander Scheer), noch die gutmeinende Englischlehrerin (Kim Gordon in einer kleinen Nebenrolle) und auch nicht ihr Schwarm, der Techno-DJ Adam (ein überraschend erträglicher Wilson Gonzalez Ochsenknecht als eine Art Alec Empire) können vermitteln.

Der_Nachtmahr_Koch_Films_02Erinnert die mysteriöse Erzählstruktur (und nicht nur die, sonder explizit einzelne Szenen und Einstellungen) einerseits an das Kino von David Lynch, ruft das verwirrende Hin und Her zwischen Wirklichkeit und Traum Erinnerungen an Wes Cravens „Nightmare on Elm Street“ wach. Akiz positioniert sich mit seinem Teenage Angst-Drama zwischen Kunst- und Horrorfilm und wird die aktuelle Debatte um das Fehlen guter Genrefilme im deutschen Kino erneut befeuern. Marvin Kren hatte bereits in den letzten Jahren mit „Rammbock“ und „Blutgletscher“ bewiesen, dass man für ungewöhnliche Ideen und Bilder nicht zwingend große Budgets stemmen muss. Auch „Der Nachtmahr“ wurde wegen fehlender Förderer für weniger als 100.000 Euro gedreht. Schon das ungewöhnliche Zusammenspiel von Bild (Weitwinkel, Stroboeffekte) und Sound (Musik unter anderen von Boys Noize und Kim Gordon) trägt die Paranoia der Protagonistin. Doch auch Carolyn Genzkow, die bislang nur in Fernsehfilmen spielte, vermittelt Tinas psychischen Absturz glaubhaft. Am Ende entfaltet der Film sogar Glamour, wenn sich Tina in einer Selbstermächtigungsgeste zwischen Peaches und Lady Gaga von allen gesellschaftlichen Schranken befreit. Für die kommenden Teile von Akiz’ „Dämonischer Trilogie“ über Geburt, Liebe und Tod lässt all dies hoffen.

“Der Nachtmahr” startet in Deutschland am 26. Mai im Vertrieb von Koch Media.
Copyright aller Bilder (@Koch Films.

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