Mittwoch, 25.04.2018
Wolfgang M. Schmitt im Interview

„Die Risikofeigheit Hollywoods“

Ein Gespräch hier nun also mit Wolfgang M. Schmitt. Der einzige Mensch, der unseren Autoren Julian Gerhard je gesiezt hat. Zumindest auf Facebook…

“Wayne‘s World“ schaue ich nach wie vor gerne, auch wenn es heute recht schwer fällt, darin noch etwas zum Lachen zu finden. Schön aber dabei sind die Erinnerungen an Kindheitstage, als ich davon überzeugt war, dass niemals ein besserer Film wird produziert werden können – außer vielleicht noch Teil zwei. Gegen diese historisch gewordene Komödie ist nichts einwenden – sie ist, was sie ist, und nimmt sich selbst nicht allzu ernst.

Als ach-so-gesellschaftskritischer Teenager kam mir „American Beauty“ gerade recht. Ein Film, der mal so richtig Flagge gegen das schnöde Spießerleben zeigt. Nach einigen Jahren sah ich ihn wieder und verspürte dabei auf verschiedenen Ebenen einen regelrechten Schauer. Wie auch bei manch einer Person, der man früher leidenschaftlich gerne zuhörte oder sich sonst wie von ihr angezogen fühlte, stellte ich mit einigem Abstand fest: „So ganz integer sind die behaupteten Absichten aber nun nicht – was war denn bitte los, dass man das nicht direkt durchschaut hat?“.

Wolfgang M. Schmitt spricht von „Verblendungszusammenhängen“, was, wie seine prinzipielle Wahl rhetorischer Mittel, im ersten Moment etwas over the top erscheinen mag, es unterm Strich aber ganz gut auf den Punkt bringt. Die Analyse zu „American Beauty“ stabilisierte mein neu zu Tage getretenes Unbehagen am Filmstoff – adrett wird in Worte gefasst, wie es dieses Drama schafft, sich als etwas auszugeben, was es nicht ist und dabei Ungefälligkeit lediglich simuliert.

Auch wenn es verdächtig nach Psychotherapie klingt: (Film)Analyse, als ein nicht abzuschließendes Durchleuchten des tatsächlich vorliegenden Materials, kann ganz schön gut tun – Irrtümer einsehen, falsche Überzeugungen loslassen, Verarschungsstrategien enttarnen oder sich eben auch einmal in seinem Standing gestärkt fühlen. Ein Anspruch auf das letzte Wort wäre Unsinn, immer weiter muss es in dieser Disziplin gehen.

Im Vergleich zur üblichen Kritik eröffnet M. Schmitt Diskurse, die weit über das Zusammenfassen von Handlungssträngen und den obligatorischen Anmerkungen zu ästhetischen Entscheidungen hinausragen: mal enthusiastisch, mal unaufgeregt, oft antizyklisch.

schmitt

Filmstill „Die Filmanalyse“, Bearbeitung J. Gerhard

 

Auf Ihrem Youtube-Kanal „Die Filmanalyse“ machen Sie bei Besprechungen und dem dafür verwendeten Instrumentarium zunächst keinen Unterschied zwischen Produktionen wie „The Boss Baby“, „Angry Birds“ oder „Zoomania“ und Filmen, die anderswo nur im Feuilleton thematisiert werden. Welche Rolle spielt Anspruch für Sie und wie würden Sie dieses Kriterium definieren?
Zunächst einmal gilt, dass man über alle Filme anspruchsvoll sprechen kann. Darum geht es in meinen Filmanalysen. Gerade vermeintlich seichte Unterhaltungsfilme sind ungeheuer komplex, weil sie keine Autorenfilme, sondern Teamprodukte sind, die den Nerv der Zeit treffen wollen, um kommerziell erfolgreich zu sein. Es bedarf eines theoretischen Zugangs und der Ideologiekritik, um diese Komplexität herauszuarbeiten. Bei künstlerischen Meisterwerken wie „Persona“ von Ingmar Bergman oder „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog liegt der Anspruch in den Filmen selbst, also in ihrem Formwillen, in ihrer künstlerischen Aussage. Das heißt, diese Filme sind weit mehr als soziologische Fundgruben – sie stehen für sich als Kunstwerke, man kann nicht nur über sie nachdenken, man kann auch durch sie denken. Anspruch ist für mich sehr wichtig, aber eben erwarte ich bei einer handelsüblichen Komödie keinen künstlerischen Anspruch, jedoch werde ich sehr ungeduldig, wenn ein Film vorgibt, anspruchsvoll zu sein, es aber überhaupt nicht ist. Deshalb langweilen und ärgern mich die vielen misslungenen Filme von Terrence Malick, Fatih Akin oder Ruben Östlund viel mehr als eine banale Klamotte mit Ashton Kutcher oder Mila Kunis.

Es scheint, als käme alles – wirklich alles – wieder, was noch irgendwie im Gedächtnis derer verblieben ist, die die 80er und 90er als Kind erlebt haben. Power Rangers, Trolls, Die Schlümpfe, Ninja Turtles – die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Denken Sie, hier steckt mehr dahinter, als das leicht zu durchschauende Wirtschaftsmodell, dass die Heranwachsenden von damals, nun mit ihren eigenen Kindern Filme aufsuchen, mit denen sie sich nostalgisch verbunden fühlen sollen?
Der wirtschaftliche Grund ist natürlich nicht von der Hand zu weisen: Etablierte Marken sind Erfolgsgaranten. Doch an dieser Risikofeigheit Hollywoods zeigt sich auch die prekäre Lage des Westens, dessen Vormachtstellung in der Welt im Schwinden begriffen ist. Es fehlen sinnvolle Ideen für die Zukunft, stattdessen wird man nostalgisch. Das zeugt von einer fatalen Gegenwartsblindheit; der Science-Fiction-Film bildet eine rühmliche Ausnahme. Die Retro-Filme aber sind auch ein Abbild der Politik: Können wir nicht wunderbar die einzelnen Bewohner aus Schlumpfhausen oder die Figuren der Ninja Turtles und Power Rangers unserem politischen Personal auf nationaler wie internationaler Ebene zuordnen? Anstatt geopolitische Verwicklungen zu analysieren, globale ökonomische Strukturen und deren Veränderungen aufzuzeigen, halten Journalisten gern irgendwelchen Politikern Mikrofone unter die Nase. Da hört man dann neben Trumpismen zum Beispiel eine Staatsministerin für Digitalisierung von Flugtaxis quasseln. Kein Wunder, dass das Kino wieder alte Witzfiguren hervorkramt.

Wird das Mainstream-Kino unserer Zeit Ihrer Meinung nach zu sehr zu einem Politikum?
Ja und nein. Ja, wenn plötzlich Fans, aber auch Kritiker von Blockbustern Erlösung von gesellschaftlicher Diskriminierung erwarten. Erinnern wir uns an die Jubelschreie, als man die Ghostbusters weiblich besetzte – selbstverständlich war auch die Empörungswelle gegen den Damen-Cast völlig lächerlich. Oder denken wir aktuell an den Marvel-Film „Black Panther“, in dem überwiegend schwarze Figuren vorkommen: Die berechtigte Freude über die Repräsentation von Schwarzen auf der Leinwand bekommt da oft etwas Staatstragendes, das aber den Blick auf die Tücken der Identitätspolitik vernebelt. Man macht aus der Besetzung ein Politikum, verkennt aber das Politische. Denn „Black Panther“ verbreitet eine Ideologie, die problemlos kompatibel mit dem Ethnopluralismus der Neuen Rechten ist – nicht zufällig feiern europäische Identitäre den Film: Man ist ständisch organisiert, schottet sich ab, schützt seinen Wohlstand, verteidigt die eigene kulturelle Identität. Noch interessanter aber ist, dass die am Ende siegende Hauptfigur sich so zugleich von der Truman-Doktrin, mit der die US-Regierung Interventionskriege für Demokratie und Freiheit rechtfertigte, lossagt. Man mag das begrüßen, aber es ist auch ein Zeichen der aktuellen US-Politik, die sich von der Weltbühne verabschiedet. Zwar nicht verwunderlich, dennoch bemerkenswert ist in dem Zusammenhang der Tod des internationalistisch denkenden Revolutionärs: An Veränderung ist der Film nur auf der Oberfläche interessiert, sprich: schwarze statt weiße Figuren, sonst aber bleibt alles, wie es ist. Darin liegt das eigentliche Politikum.

Sie wollen darauf hinaus, dass „Black Panther”, der gemeinhin dafür gefeiert wurde, dass er eine Lanze in Sachen Diversität gebrochen habe, eigentlich Ideale transportiert, die auch den Gegnern – also Rechtsaußen – gefallen? Könnten Sie Ihren Gedanken noch etwas deutlicher ausführen, ohne dass man den genauen Filmplot dafür kennen muss? Wenn Sie sagen, dass der Film eine Ideologie verbreiten würde, macht es den Anschein, als wenn die Filmemacher dies ganz bewusst tun – mit klarem Verstand und klarer Absicht. Denken Sie wirklich, dass dieser Vorsatz in dem Beispiel „Black Panther” praktisch über dem Filmemachen selbst gestanden haben kann?
Es ist wirklich nicht ganz leicht. Die Identitätspolitik des Films hat zwei Seiten: Die eine ist die liberale, die jene auf die Leinwand bringt, die zu lange unterrepräsentiert waren. Die andere aber spielt sich auf der Handlungsebene ab und ist eine rechte. „Black Panther“ propagiert eine politische und ökonomische Abschottung, eine ständische Gesellschaftsordnungund und setzt ganz auf Identität. Das ist ein Ethnopluralismus, wie er etwa von Alain de Benoist, einem wichtigen Vertreter der Neuen Rechten, herbeigesehnt wird. Das Werk ist häufig klüger beziehungsweise komplexer als sein Schöpfer.
Ob die Macher von „Black Panther“ den Ethnopluralismus kennen, wage ich zu bezweifeln, aber Ideologie wirkt oft unsichtbar und schleichend. Wenn heute zum Beispiel jemand sagt, dass man Menschen „fördern und fordern” soll, weiß er vielleicht gar nicht, dass er mit dieser Phrase ein neoliberales Paradigma aufgreift. Die Macher von „Black Panther“wissen möglicherweise nicht was sie tun, aber sie tun es.

Deutschland gilt gemeinhin als eher untalentiert in Sachen Humor. Welche komödiantischen Positivbeispiele der hiesigen Filmgeschichte fallen Ihnen ein?
Die deutsche Filmkomödie hat zwei Hauptprobleme, die mit 1933 zu tun haben. Die guten Komödienregisseure, wenn sie nicht schon vorher gegangen waren und wenn es ihnen später noch gelang, emigrierten – meist nach Hollywood. Die intelligente Komödie wanderte also aus und ließ ihre missratene kleine Schwester, die Blödelkomödie, in Deutschland zurück. Denken wir nur an die grässliche „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann. Gibt es etwas Spießigeres? Im Prinzip sind alle Filme von Til Schweiger und Matthias Schweighöfer bloß Variationen dieses geistlosen Humors. Ein paar gute deutsche Komödien aber gibt es: „Papa ante portas“ und „Ödipussi“ von Loriot, die die Heinz Rühmanns wunderbar persiflieren, oder die sehr intelligenten Serien „Monaco Franze“ und „Kir Royal“ von Helmut Dietl, oder auch die Edgar-Wallace-Parodien mit Oliver Kalkofe und Bastian Pastewka, die zwar auch Blödelkomödien sind, aber dazu ganz bewusst stehen und die Blödeleien auf eine Ebene des höheren Unsinns führen, wenn etwa Roger Willemsen in der filminternen Werbepause CDs mit Handyklingeltönen anpreist.

Stellen Sie sich vor, Sie würden für einen Nachruf-Einspieler über Til Schweiger als Kinovisionär mindestens drei ihn ehrende Sätze zusteuern müssen. Selbstredend werden Sie diesbezüglich erpresst und ihr Leben steht auf dem Spiel. Ihr Statement bitte, Kamera läuft!
1991 gelang es dem Lehrerkind Til Schweiger in „Manta, Manta“, dem sonst im deutschen Film sträflich unterrepräsentierten Proletariat ein Gesicht zu geben. Ein Gesicht, das sich kess, stolz, manchmal trotzig – und mit Hilfe des dazugehörigen muskulösen Fitnessstudiokörpers – den Alltagswidrigkeiten und den Ferrari-Fahrern entgegenstellte. Anschließend folgte Schweigers zweifelhafte Veredelung zum Kleinbürger.

Die meisten kennen es: Man hat sich auf einen Kinobesuch gefreut, nach einer etwas langatmigen Werbe- und Trailershow folgt endlich der Film. Jedoch merkt man nach spätestens zehn Minuten: Das wird eine Qual werden. Ein verwegener inspizierender Blick zur Begleitung lässt erkennen: Sie ist ganz begeistert von dem Dargebotenen – abhauen ist also nicht drin. Wie gehen Sie mit diesem Schicksal um, das täglich hunderte Kinobesucher betrifft. Was können Sie raten?
In dieser Situation sollte man sofort in den Analysemodus übergehen – und zwar auf zwei Ebenen, einer filmischen und einer persönlichen, um diese schließlich zusammenzuführen. Auf der filmischen Ebene sollte man genau analysieren, was den Film so schlecht macht – ist es nur dessen läppische Machart oder drückt sich in ihm eine bedenkliche Ideologie aus oder beides? Mit diesen Erkenntnissen sollte man sich fragen, was es über die Begleitung aussagt, wenn ihr der Film gefällt? Möglicherweise ist der Herr oder die Dame nicht sonderlich geschmackssicher, vielleicht befindet er oder sie sich aber auch in einem ideologischen Verblendungszusammenhang. In beiden Fällen beginnt die eigentliche Arbeit nach dem Film: Geschmack muss mühsam erarbeitet werden, die Ideologie muss stichhaltig entlarvt werden. Während des Films hat man also genug Zeit, sich eine Strategie zu überlegen. Denn: Niemand ist verloren!

Dass Sie „Dirty Dancing“ toll finden, ist bekannt. Gibt es auch Filme, die Sie begeistern und für die es Ihnen an klug formulierter Literatur fehlt, die Ihre Ansichten stützen könnte? Was ist Ihr ganz persönliches guilty pleasure und warum begeistert Sie der Film so?
Mit Kleist könnte ich sagen: „Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“ Ein unmittelbar kindliches Genießen ist durch den theoretischen Blick unmöglich geworden, doch die Theorie bietet die wunderbare Möglichkeit, sich über die ideologischen Probleme klar zu werden, sich dadurch von ihnen zu befreien, um schlussendlich großen Spaß an Tom-Cruise-Filmen haben zu können. Die Kraft des Kinos bleibt ja bestehen. Überdies gibt es aber ideologisch unbedenkliche, wunderbar merkwürdige, abstruse, alberne Filme, die ich sehr liebe. Wie zum Beispiel die Edgar-Wallace-Filme der 60er-Jahre. Darin geben sich große Schauspieler die Klinke in die Hand: Klaus Kinski oder Elisabeth Flickenschild zelebrieren ihre Auftritte. Das ist herrlichster Unsinn, wie er heute selten geworden ist. Diese Krimis produzierten einen schwer zu greifenden Überschuss an Künstlichkeit. Gegenwärtig sehen wir vor allem handwerklich einwandfreien und deshalb langweiligen Durchschnitt.

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