Dienstag, 12.12.2017
Irgendwas mit Punk

Welche Bands Punk kaputt gemacht haben. Teil 8: Slime, Wizo, Love A, Pisse, Rachut …

An dieser Stelle hier werden regelmäßig Verantwortliche vorgestellt, die Punk zu dem madigen Zombie gemacht haben, der er heute ist. Aus technischen Gründen kann dabei auf niemand Rücksicht genommen werden. Die Redaktion bittet dies zu entschuldigen. Von Linus Volkmann.

Love A
Bringen Gefühle in den Punkrock. Sagt mal, geht’s noch?!

20171205_203543_resized

Jens Rachut
Es ist fast schon 1000 Jahre her. PopKomm in Köln, also diese Messe zu Ehren der Musikindustrie, die wir illegalen Downloader dann aber via Napster und Filesharing nachhaltig ausgelöscht haben – nix zu danken. Kein Champagner mehr für euch bei Sony und Warner, sauft Regenwasser aus der Pferdtränke! PopKomm ist Vergangenheit, die guten Jahre der Musikbranche auch!
Zur Jahrtausendwende aber gibt es die Veranstaltung noch und ich laufe hinter einigen Leuten von VIVA2 her. Das Ziel ist das Sixpack, eine damals bekannte Absturzkneipe für Asoziale mit akademischem Background. Dort soll der Geburtstag von Rocko Schamoni gefeiert werden, da will ich irgendwie mitreinrutschen, obwohl ich bloß der Anhang vom Anhang bin. Ein kahlköpfiger älterer Mann kommt unserer Gruppe entgegen, er wirkt schlecht gelaunt. Jemand von VIVA2 scheint ihn zu kennen und fragt, ob er denn nicht auch zu der Feier von Rocko wolle? Darauf die Antwort: „Ey, bist du doof?! Ich gehe ins Hotel, ‚Hör mal, wer da hämmert‘ gucken!“
Es handelt sich bei jenem Mann um Jens Rachut, den Erschaffer von u.a. Dackelblut, Blumen am Arsch der Hölle, Alte Sau, Kommando Sonnenmilch, Oma Hans, N.R.F.B. und Angeschissen.
Statt Saufen mit der Szene, Sitcoms im Hotel. Schon damals nur Respekt: Was für ein geiler Move.

WIZO
Ach, wenn ich nun eh zeitlich schon so hinten liege… Dann entführe ich euch gleich noch weiter in die Vergangenheit. Es geht über 20 Jahre zurück! Wir befinden uns Backstage in der Mehrzweckhalle von Neu-Isenburg (Hessen). Ein Freund von mir hat überraschend ein Interview mit Die Ärzte klargemacht. Die Band steht auf dem ersten Zenit ihrer Reunion-Zeitrechnung – und bis heute sei ihnen hoch angerechnet, dass sie größeren Tageszeitungen kaum Interviews gibt, aber fast jeder Fanzine-Depp Backstage eine Chance erhalten kann. So auch wir mit meinem „unvergessenen“ Heftchen „Die Spielhölle“ (aus Darmstadt damals). Nach dem Die-Ärzte-Gespräch bekommen wir dann noch den Typen von WIZO ab, die Vorgruppe machen. Wow, es ist wirklich Fanzine-Heaven. Allerdings ist der Typ null nice. Er lenkt jede Frage auf vorgestanzte Antworten zu ganz anderen Themen. Es geht viel um sein Label, das Business und wie real er sei. Bewerbungsgespräche bei der Sparkasse besitzen mitunter mehr Esprit und Herz. Zum Schluss merke ich an, dass er doch recht wenig auf das von uns Gefragte eingegangen sei. Daraufhin setzt er ein noch geschäftsmäßigeres Gesicht auf als eh schon und sagt: „Ja, ich steuere meine Interviews eben gerne.“ Es klingt nicht wie eine Entschuldigung. Eher im Gegenteil. Ah, so. Wir schütteln zum Abschied reserviert die Hände – und ich bin mir dabei bereits sicher, dieses Tape werde ich nie abhören. Steuer doch deinen Arsch, Du Lappen.

Pisse
Neben dem einen Burgerladen mit den tätowierten, vollbärtigen Köchen hat bei uns in der Straße jetzt noch ein Burgerladen aufgemacht. Alles gleichschalteter Hipster-Terror? Von wegen! Denn hier haben die Typen am Herd so gezwirbelte Schnurrbärte – es ist also alles noch mal mehr crazy, hui! Und es gibt Craft Beer aus eigener Herstellung und selbstgebrannten Slibowitz, freies WLan eh, total abgedrehte Deko, nicht nur so die üblichen abgekauten Holztischchen. Manchmal läuft über die Anlage Schlager aus der DDR, Amiga und so. Und letztens kam „Mit Schinken durch die Menopause“ von Pisse. Kannten sogar einige.
So schlimm ist es also schon!

20171205_203249_resized

Slime
Im deutschsprachigen Punk-Game gibt es eine Leistung, die man nicht hoch genug hängen kann: Die beiden schlimmsten Vokuhilas des Genres (Dicken und Elf von Slime) haben sich über so viele Jahrzehnte halten können! Wenn man den abgehängten Metalsound von Elfs Gitarre hört oder Sänger Dicken wieder mal in hemdsärmeliger Mackerpose sein Streetfighter-Image rauspimmelt… dann kann man es nicht fassen, dass man selbst doch immer noch mal kurz aufwacht, wenn der Name “Slime” aufpoppt.
So geschah es auch zur neuen Platte – selbst wenn die teilweise geschrieben wurde von diesem Emo-Otto von Vierkanttretlager mit Gymnasiums-Hintergrund. Was denn noch? Max Giesinger schreibt demnächst für Toxoplasma, oder Daniel Küblböck für The Exploited?
Ich muss aber gestehen, vielleicht hätte ich sogar diesen Umstand wegblinzeln können. Rausgehauen hat es mich tatsächlich erst, als ich auf Facebook dauernd „Sponsored Posts“ angezeigt bekam, die mich über ein neues Slime-Album informierten. Punks kaufen sich Reichweite auf Social Media?
Sorry, aber seitdem bin ich jetzt immer auf der Seite der BRD, wenn der Song „Deutschland muss sterben!“ kommt. Na, danke!

20171205_203457_resized

Lustfinger
Die schlimmsten Vokuhilas im Punk bleiben aber natürlich Lustfinger aus München. Eine sackdumme Glied-Rockband, die sinnbildlich dafür steht, wie wenig Punk in Bayern letztlich möglich ist. Sorry an alle Betroffenen, zieht halt weg oder macht Brass oder sowas wie die Sporties. Mehr geht aber auf ewig nicht in diesem Loch da unten – das muss man einfach mal einsehen. Der Song hier von Lustfinger ist reaktionärer und chauvinistischer als Hitler! Kein Scheiß, hört mal auf diesen Text…

[Dieser Text erscheint in abgewandelter Form auch in dem Magazin Plastic Bomb]

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.